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Vikar Matthias Baral: „Was macht eigentlich ein Vikar?“

Pfarrer Wenzke bat mich, eine Art „Halbzeitbilanz“ über mein Vikariat zu schreiben. Dem Wunsch komme ich gerne nach, auch wenn sich „Halbzeitbilanz“ etwas befremdend anhört, da man dann schon den Schluss vor Augen hat. Nun möchte ich Ihnen nicht detailliert mein Wochenprogramm seit April 2015 vorlegen, aber einige Schlaglichter nennen, die bei der Antwort auf folgende Frage helfen sollen: Was macht denn der Vikar die ganze Zeit?

Ein Vikar lernt, ein Pfarrer zu werden

Kaum einer kennt den Begriff „Vikar“. Bei einem größeren Verein in Sachsenheim, der für Leibesertüchtigungen bekannt ist, wurde ich versehentlich als „Viktor Baral“ begrüßt. Man dachte, Vikar wäre mein Vorname, so wurde aus Vikar Viktor. Meinen Kolleginnen aus Oberriexingen und Großsachsenheim passiert Ähnliches: Wenn sie sich als „Vikarin N.N.“ vorstellen, denken alle Leute, Karin wäre ihr Vorname.

Kurz gesagt ist ein Vikar, oder die weibliche Form davon, ein Pfarrer in Ausbildung. D. h. ich muss die Aufgaben, die ein Pfarrer so macht, erlernen. Dazu gehören die ganz prominenten Aufgaben wie der sonntägliche Gottesdienst, Taufen, Bestattungen, Trauungen, aber auch die unscheinbareren Aufgaben, wie Gemeindeorganisation und -führung, Aufgaben, die im Dekanat anfallen und viele mehr.

Der Pfarrberuf ist vielfältig, das ist schön, so wird er nicht so schnell langweilig. Aber diese Vielfalt ist auch eine Herausforderung – gerade am Anfang. Den freudigen Anlass einer Hochzeit gilt es ebenso souverän zu gestalten wie den traurigen Anlass einer Bestattung. Und ich finde, es ist eine Sache, eine Bestattung zu halten, die andere ist es, diese auch zu verarbeiten. Sicher trauert man nicht so schwer wie die Angehörigen. Aber man nimmt doch an der Trauer Anteil.

Ein Vikar lernt zu lehren

In Württemberg ist es jedenfalls noch so, dass ein Pfarrer auch einen Lehrauftrag in der Schule hat. Das ist grundsätzlich eine gute, schöne, aber manchmal auch eine schwierige Aufgabe. Tatsächlich werde ich im Theologiestudium auf diesen Teil des Pfarrberufes inhaltlich kaum vorbereitet. Hier betrete ich also als Vikar ein ganz neues Aufgabengebiet: Ich muss das Lehren lernen. Unterstützt werde ich dabei vom Pädagogisch-Theologischen-Zentrum der Landeskirche in Württemberg, vom Schuldekanat in Vaihingen/Mühlacker, von Pfarrer Wenzke, der in meinen Stunden hospitiert und sie mit mir nachbespricht, sowie einer staatlichen Mentorin von der Kirbachschule in Hohenhaslach. Wie es bei allem ist, was man neu anfängt, so gilt auch für das Unterrichten: Aller Anfang ist schwer und benötigt darum auch mehr Zeit in der Vorbereitung.

Aber nicht nur in der Schule, sondern auch im Konfirmandenunterricht ist der Pfarrer bzw. Vikar als „Lehrer“ tätig. Auch dies ist eine neue Aufgabe, für die das Gleiche gilt wie in der Schule. Aber es macht auch sehr viel Freude, mit den Konfirmanden zu arbeiten und sie ein Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten.

Ein Vikar lernt im Tandem und im Team

Die Ausbildung des Vikariats geschieht einmal im Tandem, mit dem Ausbildungspfarrer vor Ort und auch im Vikarsteam. Das Dekanat Vaihingen hat insgesamt drei Vikare/innen, die, außer in Kleinsachsenheim, in Großsachsenheim und Oberriexingen ausgebildet werden.

Die Ausbildung bei Pfarrer Wenzke empfinde ich persönlich als sehr fruchtbar. Ich habe den Eindruck, dass er mir anregende Rückmeldungen gibt, ob es nun nach der Religionsstunde oder der Predigtbesprechung ist; sein Feedback ist stets differenziert und regt mich zum Weiterdenken an. Wir haben theologisch gesehen große Schnittmengen, die ein Miteinander-Arbeiten erleichtern. Auch persönlich schaue ich ihm gerne über die Schulter (natürlich nur im Bild gesprochen!), was die Vereinbarkeit zwischen Pfarrberuf und Familie betrifft. Hier erfahre ich gute Impulse, wie man beides vereinbaren kann, ohne eines davon zu vernachlässigen.

Den Austausch im Vikarsteam empfinde ich ebenso als gewinnbringend, auch wenn die Gespräche auf einer anderen Ebene stattfinden. Wir treffen uns einmal in der Woche im Team zum kollegialen Austausch über die Erfahrungen in der Woche, versuchen, uns gegenseitig eine Hilfe zu sein und arbeiten uns theoretisch in Themen ein, die den Pfarralltag begleiten, wie z. B. Konzeptionen des Konfirmandenunterrichts o. ä. Aber natürlich gibt es auch Gelegenheit, das Dekanat mit all seinen vielen Einrichtungen und Firmen kennenzulernen. Wir waren bereits bei der Firma Ensinger und der Bäckerei Katz und haben uns dort durch das Werk führen lassen. Auch die Sozialstation Sachsenheim haben wir uns näher angeschaut, sowie die Diakonische Bezirksstelle in Vaihingen. Wir dürfen so erleben, dass die Kirche eine gute Arbeit macht und sich vielfältig in der Gesellschaft einbringt, gerade auch dort, wo kein Geld zu machen ist und sonst keiner helfen will. Zudem ist es ermutigend zu sehen, dass auch größere Firmen der Kirche freundlich gesinnt sind und ihre Arbeit, auch finanziell, immer
wieder fördern.

Ein Vikar ist einer Gemeinde zugeordnet

In meinem Fall ist es die Gemeinde Kleinsachsenheim. Das Arbeiten in der Gemeinde macht mir Freude. Im letzten Herbst fand die Gemeindefreizeit statt, auf der ich einige Gemeindeglieder näher kennenlernen konnte. Dies war sicher ein Höhepunkt in meinem zurückliegenden Jahr als Vikar, weil ich nahe an der Gemeindearbeit war.

Ansonsten wird die Gemeindetätigkeit des Vikariats häufig durch Kurse unterbrochen, die von Seiten der Landeskirche in Stuttgart-Birkach stattfinden und das Vikariat durch theoretische Einheiten begleiten.

Eine weitere Freizeit war die Konfirmationsfreizeit, die wir mit der Konfirmandengruppe und den Konfirmandenpaten im Freizeitheim „Schönblick“ bei Schwäbisch Gmünd verbracht haben. Auch diese Zeit empfand ich als wertvoll, da ich sowohl die Konfirmanden, als auch die Mitarbeiter näher und besser kennenlernen konnte.

Der Vikar ist einer Familie zugeordnet

Nun bin ich nicht alleine nach Kleinsachsenheim gekommen, sondern habe meine Frau Christiane und unseren Sohn Paul mitgebracht. Ich bin froh, dass sie mitgekommen sind, ebenso wie ich froh bin, dass auch sie sich hier wohlfühlen. Wir wurden, was sicher zum wohligen Gefühl beigetragen hat, freundlich in unserer Nachbarschaft und in der Gemeinde aufgenommen, was uns freute und freut.

Zu dritt sind wir nach Kleinsachsenheim gekommen, nun sind wir vier, eine Tochter ist uns geboren worden, sie heißt Marie. Dies ist vielleicht die größte persönliche Veränderung, die zu berichten ist.

Vikar Matthias Baral