Das Reformationsjubiläum für mich persönlich

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Jubiläumsjahr ist in vollem Gange. Eine Vielzahl von Veranstaltungen wird landauf landab angeboten. Auch in unserem Kirchenbezirk gibt es eine erfreuliche Fülle davon. Ich freue mich, dass nicht nur die Kirche, sondern auch die Politik das Jubiläumsjahr als wichtig einstuft. Ich freue mich, dass dieses Reformationsjubiläum nicht in Abgrenzung, sondern in Kooperation mit der katholischen Kirche gefeiert wird. Als evangelischer Pfarrer und Christ nehme ich dies alles staunend und frohgemut wahr. Und zugleich wird in mir die Frage immer lauter: Was hat das Reformationsjubiläum mir persönlich zu sagen?

Das Anliegen der Reformation ist mehr als die Empfehlung von Reformen. Schließlich ging es Martin Luther und den anderen Reformatoren um nichts Anderes als um den Menschen. Es ging ihnen nicht primär um irgendeine anonyme Einrichtung, die sich Kirche nennt. Nein, es geht in der Botschaft der Reformation bis heute zuerst um den Menschen und erst dann um die Kirche. Das Anliegen der Reformation ist mehr als die Empfehlung von Reformen. Strukturveränderungen sind nicht Kernanliegen, wohl aber willkommene Folge von innerem Wandel. Wie wäre es also, wenn wir Reformation als bleibende Einladung zur Erneuerung und Umgestaltung unseres Lebens verstehen?

„Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an.“
Es gibt ein altes Gebet: „Herr, erneuere deine Kirche und fange bei mir an.“ Genau das war Luthers tiefe Überzeugung, dass das damalige und vielleicht auch manchmal heute berechtigte Erschrecken über Fehlentwicklungen in der Kirche bei einem selbst anfangen muss. Es geht um das Erschrecken über das eigene Leben, das ja keineswegs immer einem Hochglanzprospekt gleicht. Martin Luther hat sich der Frage gestellt: Was sagt Gott über mein Leben? Auch wenn uns diese Fragestellung vielleicht fremd geworden ist: Gott als Schöpfer und Erhalter unseres Lebens hat das Recht, so zu fragen.

Martin Luther ahnte, dass es nicht langt, wenn man auf diese Frage antwortet: Man hat sich bemüht. Das hatte er ja zur Genüge. Er war ins Kloster eingetreten, zu Fuß nach Rom gepilgert, hatte bis zur Erschöpfung gefastet und sich in das Studium der Bibel vertieft. Er tat das alles, um Gott zu gefallen. Und ist dabei gescheitert! Aber es bleibt nicht bei diesem Tiefpunkt. Luther entdeckt im Römerbrief: Meine Unmöglichkeiten sind gar nicht entscheidend. Entscheidend sind Gottes Möglichkeiten. Luther erkannte: Was ich nicht schaffe, schafft ein anderer: Jesus Christus. Luther begriff die Gnade, dass Gott mit ihm zurechtkam, obwohl er mit sich selbst nicht zurechtkam. Ihm ging auf: Ich brauche nichts unter den Teppich zu kehren, mich nicht immerzu vor anderen und mir selbst zu rechtfertigen, weil Gott mich bereits gerechtfertigt hat durch Jesus Christus. Ein von Gottes Gnade befreiter Mensch ist innerlich frei. Diese Einsicht verschafft innere Freiheit. Diese Freiheit gehört dem Reformationsjubiläum ganz persönlich zugeordnet. Man kann sie für sich selbst spüren und andere merken es auch. Diese innere Freiheit prägt einen mitten in allen Sachzwängen, die einen morgens aus dem Bett treiben und tagsüber auf Trab halten.

Ein von Gottes Gnade befreiter Mensch ist innerlich frei trotz Termindruck, Leistungsdruck und allen möglichen Erwartungshaltungen. Er ist gelassener, aber nicht faul: Schließlich kann er als von Gott beschenkter Mensch andere beschenken. Wer Barmherzigkeit und innere Befreiung erlebt hat, wird alles tun, damit dies andere auch erfahren. Im persönlichen Bereich, aber auch in der Wirtschaft und Politik und allen anderen Handlungsfeldern. Da gibt es dann jeden Tag genug zu tun. In aller Freiheit.

Pfarrer Friedemann Wenzke