Schätze – ein paar Gedanken zu Erntedank

Es gibt zwei Dinge im Kinderzimmer bei uns im Pfarrhaus, da haben unsere Kinder Erstzugriffsrecht. Da dürfen wir als Eltern nicht einfach ran und auch nicht die Kinder untereinander. Das eine ist die jeweils eigene Spardose. Und das andere das jeweils eigene Schatzfach. Am Anfang war das Schatzfach von jedem Kind ganz leer. Und mittlerweile ist es teilweise fast zu klein. Allerlei findet sich darin, was unseren Kindern wichtig ist. Schlüsselanhänger, Federn, ein kleiner Pokal, das Freundebuch… Als Eltern bewerten wir das nicht. Jedes Kind entscheidet selbst, was ihm wichtig ist und verbindet damit ja meist ein Erlebnis oder eine Geschichte. Wenn die Kinder dann in das Schatzfach schauen, werden sie an etwas Schönes erinnert.

Ich finde das eine tolle Sache. Wie leicht verfliegen schöne Erlebnisse. Wie schnell gerät das Schöne, das ich erlebt habe, in schweren Zeiten aus dem Blick. Ich kann mich mithilfe des Schatzfaches erinnern: Es gibt nicht nur die harten Zeiten, nein, ich habe auch viel Gutes erlebt. So trage ich einen Schatz in mir, von dem ich zehren kann.

Wenn wir in unserer Kirche am Erntedankfest unseren Altarraum festlich schmücken, dann ist das so ähnlich, als füllten wir unsere Schatzkiste. Wir erinnern uns, was wir in diesem Jahr ernten konnten: Kartoffeln, Getreide, Äpfel, Nüsse, Dahlien, Sonnenblumen, Astern. Vielleicht in diesem Jahr einiges weniger als sonst wegen der späten Nachtfröste im Frühjahr. Zumindest zeigt uns die schlechtere Ernte, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es wächst und gedeiht. Wir können eben nicht allein für eine gute Ernte sorgen. Wir brauchen Gott und seinen Segen. Und er hat uns auch in diesem Jahr beschenkt, nicht nur in Feld und Flur. Auch in den anderen Berufen, in denen wir tätig sind, dürfen wir Erfüllung finden und Segen erleben. Und auch in der Kindheit und im Ruhestand.

Mich an das Gute erinnern, dankbar dafür zu sein, daran will uns das Erntedankfest erinnern. Was könnte denn in Ihr Schatzfach, wenn Sie auf die letzten Monate zurückblicken? Wo hat Gott Sie denn beschenkt? Ich selbst habe mir noch kein Schatzfach mit Gegenständen angelegt. Aber eine Schachtel mit Briefen und Karten von mir lieben und wertvollen Menschen und wichtigen Lebensstationen, die habe ich schon. Am Geburtstag oder anderen wichtigen Tagen oder vor Veränderungen nehme ich sie manchmal vor. Und staune, wie viel Gutes Gott mir schon in meinem Leben getan hat. Mich an das Gute erinnern, macht mich zufrieden, ja sogar glücklich. Bestimmt hat das auch der Beter des 103. Psalms gewusst, wenn er sagt: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.“

Offene Sinne für das Gute und Schöne in ihrem Leben wünscht Ihnen nicht nur zum Erntedankfest.

Ihr Pfarrer Friedemann Wenzke