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Liebe Gemeindeglieder,

es ist mal wieder soweit: Die Kirchen, evangelisch wie katholisch, begehen in diesem Teil des Jahres ein kirchliches Fest, mit dessen Inhalt beide recht überschaubar wuchern. Richtig, ich meine Pfingsten und damit das Fest des Heiligen Geistes. Den Heiligen Geist könnte man als den stiefmütterlichen Teil der Trinität, quasi als das dritte Rad am Zweirad bezeichnen. Man könnte auch überspitzt und etwas neidisch sagen: Den Heiligen Geist gibt es nur noch in den Freikirchen und die sind ohnehin ein wenig anrüchig. Damit scheinen sich beide, die Freikirchen und die etablierten Kirchen, zufriedenzugeben. Die einen, weil sie stolz sind, dass bei ihnen noch etwas „geht“, etwas los ist. Die anderen, weil sie froh sind, dass es bei ihnen relativ gesittet zugeht.

Doch nun genug der Klischees und Vorurteile. Wir fragen einmal, was in der Bibel über den Heiligen Geist gesagt wird.

1) Die grundlegende Wirkung des Heiligen Geistes

Der Heilige Geist kommt erst nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt zu den Jüngern. Im Johannesevangelium wird berichtet, dass Jesus die Jünger anbläst (Joh. 20, 22). Die Jünger empfangen den Geist von unserem Herrn persönlich. Dabei ist bemerkenswerterweise nichts Spektakuläres passiert: Niemand ist umgefallen oder hat in Zungen geredet. Auch in der Apostelgeschichte ist die Folge des Geistempfangs ein mutiger Glaube, der die Jünger dazu ermächtigt, von Jesus zu erzählen. Das heißt doch, dass der Geist Erkenntnis und Gewissheit des Glaubens wirkt, so dass wir wissen können, was uns von Gott in Jesus Christus geschenkt wurde, nämlich die Vergebung der Schuld. Aber nicht nur das, sondern damit einhergehend das Privileg, die himmlische Staatsbürgerschaft zu haben, mit diesem Gott leben zu dürfen und ihn vertrauensvoll Vater „Abba“ bzw. „Papa“ nennen zu dürfen. Der Schöpfer der Welt ist mein Vater!
Man könnte also sagen, dass die grundlegende Aufgabe und Wirkung des Heiligen Geistes darin besteht, Glauben an Jesus Christus zu wirken und zu erhalten. Anders formuliert: Jeder, der an Jesus Christus glaubt, hat den Heiligen Geist.

2) Ein Geist, viele Gaben

Der Geist Gottes wird in der Bibel als „heilig“ bezeichnet, damit jeder sofort weiß, dass es kein böser Geist ist, mit dem wir es als Christen zu tun haben. Dieser Heilige Geist ist nicht eintönig, sondern vielfältig und kreativ, weshalb es auch viele Gaben gibt, die von ihm gewirkt werden. Häufig werden nur die einzelnen Gaben aufgezählt, die aber nicht nach besonders wichtigen oder unwichtigen Gaben eingeteilt werden (Römer 12, 6ff). In einem ganz bekannten Text der Bibel wird jedoch die höchste aller Gaben des Heiligen Geistes erwähnt: Die Liebe (1. Kor. 13, 1-13). Die Liebe ist darum wichtig, weil sie auf das Zusammensein und Zusammenbleiben der Gemeinde abzielt. Die Liebe eint die Gemeinde von Jesus Christus, sie trennt nicht und wirkt auch nicht trennend. Ebenso will auch der Heilige Geist die Gemeinde von Jesus Christus nicht trennen, sondern einen und verbinden. Darum ist die Liebe die höchste Gabe. Sie macht genau das, was der Heilige Geist im Sinn hat.

3) Begehrte Gaben und falsche Schlussfolgerungen

Nun gibt es natürlich Gaben, die etwas verlockender klingen und manche, die etwas weniger toll zu sein scheinen. Die Gabe des Dienens ist vermutlich eine weniger begehrte Gabe, wobei die Gabe der Zungenrede oder der Wunderheilung, die biblisch durchaus erwähnt werden, in unseren Augen häufig die interessanteren Gaben sind. Ja, man könnte auch den falschen Schluss ziehen und meinen, wo keine spektakulären Gaben vorherrschen, wie die Zungenrede oder ähnliches, da ist auch der Heilige Geist nicht anwesend. Eine Gabe ist mir gegeben, um anderen zu dienen. Sie ist mir von Gott gegeben, damit ich mich damit in meiner Gemeinde einbringen kann, zum Lob Gottes für andere. Sie ist mir auch gegeben, damit der Geber der Gabe verherrlicht wird und nicht ich selbst. Darum ist das Gieren nach einer Gabe, die mir besonders attraktiv zu sein scheint, vielleicht eher einem egoistischen Gedanken entsprungen, als dem Gedanken, damit jemandem anderen zu dienen.

4) Inspiration

Nun genug der Theorie: Ein Kind aus der Grundschule wurde einmal gefragt, wo denn der Heilige Geist in der Geschichte vom „Verlorenen Schaf“ vorkommt. Sie erinnern sich sicher. Ein Mann hat 100 Schafe, verliert eines und lässt 99 zurück, um das eine zu suchen (Lukas 15, 3-7). Die Antwort des Kindes war: Der Heilige Geist ist der Mut, den der Hirte aufbringt, um das eine Schaf zu suchen.

Manchmal ist der Heilige Geist sehr unscheinbar, manchmal unspektakulär, aber dennoch da. Er kann uns dazu inspirieren, etwas Unerwartetes zu tun. Etwas, was im Sinne Jesu ist. Etwas, das Versöhnung ermöglicht, etwas, das liebevoll oder wertschätzend ist. Das erfordert manchmal Mut. Für einen solchen Mut kann man beten, ebenso wie für den Heiligen Geist.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende, mutige Pfingstzeit!

Herzliche Grüße, Ihr Vikar Matthias Baral