Was will ich heute lassen?

Liebe Leserin, lieber Leser,
ist der Sonntag für Sie eher Last oder Lust? Die Freizeitgewohnheiten haben sich inzwischen verändert, auch im Blick auf die Sonntagsgestaltung. Man schläft länger und frühstückt ausgiebig oder bruncht gleich bis in den frühen Nachmittag. Danach hat man die Wahl zwischen diversen Sport- oder Stadtteilfesten, man bummelt durch die Einkaufsstraße oder packt die Fahrräder aufs Auto und fährt ins Grüne. Oder es ist verkaufsoffener Sonntag und man kann einkaufen. Das ist zwar noch nicht die Regel, denn laut Art 140 GG bleiben „der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage … als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“. Aber wenn es nach den Verkaufsstrategen und Wirtschaftplanern geht, dann ist die Abschaffung dieses Artikels überfällig. Also: Ist der Sonntag als allgemeiner Feiertag (und vor allem das Gebot der Sonntags-Arbeitsruhe) noch zeitgemäß?

Immerhin taucht das Gebot, den Feiertag – damals wie heute für Israel der Schabbat, für uns Christen der Sonntag – zu heiligen, an so prominenter Stelle wie im Katalog der Zehn Gebote auf! Es lautet: Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.

Es ist eine uralte und in allen Zeiten und Gesellschaftsformen zu beobachtende menschliche Schwäche, dass es uns aus eigener Kraft nur schwer gelingt, einen guten Rhythmus von Arbeit und Ruhe zu bewahren. Für uns selbst und für die, die von uns abhängig sind. Wir verfallen dem Irrtum, Arbeit sei der Sinn unseres Lebens. Bis hin zur Arbeitssucht. Dabei schaffen wir viel, und das kann uns lange Zeit den Blick verstellen für das, was dabei automatisch zu kurz kommt, was wir vernachlässigen und mit der Zeit verlernen: Das Innehalten, das genaue Hinsehen und Zuhören, das geduldige Suchen und Finden, das langsame und tiefe Begreifen der wesentlichen Dinge des Lebens, die sich nur begreifen lassen, wenn wir ihnen Zeit geben. Und wir verpassen Gott, der sich uns mitteilt, wo wir ihm Raum lassen. Beides gehört zusammen: Von Gott nichts mehr zu wissen, bedeutet, sich selbst zu verlieren. Wer vor lauter Arbeit und Eile durch sein Leben stürmt, riskiert, dass seine Seele nicht mehr mitkommt, buchstäblich „auf der Strecke bleibt“.

Vielleicht kennen Sie die Geschichte von dem alten Indianer, der zum ersten Mal in seinem Leben Auto fährt. Während der Fahrt wurde er stiller und stiller. Nach ziemlich kurzer Zeit bat er den Lenker des Wagens: „Halt an und lass mich aussteigen!“ – „Wieso, stimmt etwas nicht?“, fragte der Fahrer. Der alte Indianer antwortete: „Ich muss erst warten, bis meine Seele nachkommt.“

Dabei ist das vierte Gebot kein Plädoyer für Tatenlosigkeit und für Faulheit. „Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk tun! Aber der siebte Tag ist ein Ruhetag und Gott geweiht!“ Ich verstehe das so: Diesen siebten Tag darf ich und soll ich nutzen, um all das zu tun, was mich Gott und meiner Seele näher bringt, als alle Arbeit und Anstrengung es je könnten. Denn Gott begegnen – das geht nur in der Stille, im Innehalten, im Schweigen, im Gebet, im Besuch eines Gottesdienstes. Nicht im rastlosen Rennen.

War das nicht einmal die Geburtsstunde unserer evangelischen Kirche, als Martin Luther und andere Reformatoren die Erkenntnis wiedergewannen, dass dem Menschen das Heil für sein Leben geschenkt wird – nicht durch Arbeit und Leistung, sondern umsonst? Allein aus Gnade und dadurch, dass er’s glaubt, wird einer selig. Rastloses Schaffen und noch so viele gute Werke nützen hier gar nichts. Das vierte Gebot ist so etwas wie ein Schutzraum für diese Einsicht. Es reserviert einen Tag in der Woche für das Innehalten, Zur-Ruhe-kommen, das Nachsinnen über das, was wesentlich ist.

Das vierte Gebot schützt den Boden, aus dem die Quelle der Gelassenheit entspringt. Gelassenheit – ein schönes Wort. Etwas Heiteres und Leichtes schwingt da mit. Wie viele Menschen, die sich überlastet, überfordert, durch ihr Leben gehetzt fühlen, wünschen sich das: Gelassen sich zurücklehnen, Nein sagen, die Dinge auf sich zukommen lassen zu können. Nicht pausenlos etwas tun, sondern eben: lassen zu können. Gelassenheit beginnt mit dem Lassen. Und „den Feiertag heiligzuhalten“, heißt nichts anderes, als lassen zu können. Die Arbeit, das alltägliche Tun beiseite zu lassen und dafür Gott regelmäßig Raum zu lassen, in mein Leben zu kommen und mich zu beschenken, indem ich meine Gedanken nicht pausenlos zielstrebig auf immer neue Pflichten, Projekte, Erlebnisse, … richte. Gott ist mir gut und will mich reichlich beschenken – mit Lebenssinn und Vertrauen und mit mancherlei kostbaren Erfahrungen, die sich nur einstellen können, wenn ich Gott erlaube, mir zu begegnen, in der Zeit, in dem Lebensraum, die ich ihm offen lasse. Das ist der Sinn des Gottesdienstes, der zu jedem Feiertag gehört: Dass wir uns in den Wirkungskreis des Geistes Gottes begeben. Lassen können – ich glaube, andere Völker können das ein bisschen besser als wir Deutsche, die wir fleißig und entsprechend reich, aber keineswegs glücklicher sind als Menschen, die weniger rastlos arbeiten. Und Glück ist das Ziel! Der Feiertag soll ein Vorschein, ein Hauch des Paradieses sein. Das Paradies ist es, die Herrlichkeit Gottes, was Gott für uns einst vorgesehen hat – und jetzt schon dürfen wir uns darin einüben, an jedem Sonntag.

Wie also gestalten wir unseren Sonntag so, dass sich ereignen kann, was Gott uns schenken will? Vielleicht ist die Frage hilfreich, die schon angeklungen ist: Nicht die Frage: „Was soll ich tun?“ Sondern die andere Frage: „Was will ich heute lassen – mir und meinen liebsten Menschen zuliebe?“ Was will ich heute lassen, um gelassen erwarten zu können, was Gott mir heute schenkt?

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Gemeindepfarrer Friedemann Wenzke

P.S. Übrigens: Ich selbst bin auch ein allwöchentlich Übender auf diesem Gebiet und noch lange nicht fertig damit. Ich finde es spannend, dass die diesjährige Fastenaktion 7-Wochen-ohne dieses Thema ebenfalls aufnimmt.