Ruhe

 

Kaum jemals ist ein Absatz angebrachter als nach diesem Wort. Finden Sie nicht, liebe Leserin, lieber Leser?!

Kaum ein Wort bringt die Sommerzeit so auf den Punkt, wie dieser Begriff: Ruhe. Wenn die Sommerferien vor der Türe stehen, die Schule zubleibt und die Kinder schon in Vorfreude auf den Urlaub sind, dann hat man Ruhe von der Arbeit, den Schulaufgaben und dem alltäglichen Alltagstrott. Nicht nur Eltern mit ihren Familien kommen dann zur Ruhe. Auch die Talkmaster der GEZTV- Sender ARD und ZDF machen eine Pause, auch sie kommen zur Ruhe. Im Fernsehen laufen Wiederholungsprogramme, allein die Nachrichten sind aktuell. Die Fußball-Europameisterschaft ist auch vorbei, die Spieler gehen in den Urlaub und ruhen. Ja, selbst das Parlament und allen voran die Bundeskanzlerin, die erste Dienerin des Staates, wie es so schön heißt, macht einmal Pause und kommt zur Ruhe.

Zugegeben, diese Ruhe-Zeit ist nicht immer ruhig. Sie hat auch unruhige Stunden. Denken Sie an den Urlaubsverkehr, der auf den Straßen über den Asphalt rollt und dabei nur schleppend vorankommt. Und natürlich soll nicht außer Acht gelassen werden, dass Eltern, im besonderen Mütter, auch dann im Dienst sind, wenn die große Sommerpause vor der Tür steht. Aber gestatten Sie mir, dass ich es einmal ganz pauschal sage: Die Sommerzeit dürfte für viele von uns mit dem Wort ‚Ruhe‘ sehr gut beschrieben sein.

Was hat das Ganze nun im Gemeindebrief verloren? Alles und nichts! Es ist für meinen eigenen Glauben völlig irrelevant, ob und wann Angela Merkel in den Urlaub geht oder nicht. Aber: Dass Angela Merkel auch Ruhe nötig hat, zeigt mir, dass es ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Es zeigt mir, dass der Mensch Ruhe braucht, um wieder zu Kräften zu kommen. So hat ihn Gott geschaffen. In der Bibel kommt das immer wieder zur Sprache. Ganz deutlich wird das in der biblischen Schöpfungserzählung (1. Mose 2, 1-3). Der erste ganze Tag des Menschen ist der Sonntag, der Ruhetag. Der Mensch lebt von der Ruhe her. Aus der Ruhe kommt die Kraft für seinen Alltag. Aus dem Sonntag erwächst die Stärke für die Tage Montag bis Samstag.

Auch wenn nicht jedem unserer Zeitgenossen dieser Zusammenhang einleuchten mag, ist er gegeben. Und er bestätigt sich in der heutigen Zeit. Wir leben in einer Zeit, in der Gesundheit einen hohen Stellenwert hat. Dazu gehört auch die mentale Gesundheit. Darum sind wir bemüht, ein gesundes Maß zwischen Anspannung und Entspannung zu finden, zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Die beste Vorsorge gegen einen mentalen Erschöpfungszustand ist, sich immer wieder Ruhzeiten zu gönnen, damit wir wieder zu Kräften kommen, um in Zeiten, in denen wir gefordert werden, nicht überfordert werden. Ein gesundes Maß zwischen Anspannung und Entspannung ist die beste Vorsorge gegen einen Burnout, so hört und liest man es immer wieder. Ruhe ist gut, tut gut und ist eine gute Maßnahme, um Krankheiten vorzubeugen.

Das finde ich ein spannendes Phänomen, dass hier etwas gesellschaftlich anerkannt wird, was eine Wahrheit des christlichen Glaubens darstellt. Dieses aktuelle Phänomen ist allerdings keine Neuheit. Schon Cicero, der wohl berühmteste Staatsmann des antiken Rom, der nun wahrhaftig nicht dafür bekannt ist, auf seiner faulen Haut gelegen zu haben, wusste zu sagen: „Nichts tun erfreut!“ Viel habe ich vergessen von meinem Lateinunterricht. Das konnte ich mir merken. Hier sehen wir einen weiteren Aspekt der Ruhe. Das wusste schon der vorchristliche Cicero. Für mich ist das eine Form der natürlichen Gotteserkenntnis, wie sie im Römerbrief von Paulus angedeutet wird. Sinngemäß steht in Römer 1,20: Gottes unsichtbares Wesen, wird in der Schöpfung offenbar. Das heißt für mich, dass alle Ratgeber zum Thema Ruhe, jede Apotheken-Umschau zu diesem Thema quasi das für richtig hält, was in der Bibel über den Menschen von Gott her gesagt wird. Das ist für mich eine natürliche Gotteserkenntnis. Man hält aufgrund wissenschaftlicher Befunde das für richtig, was in der Bibel steht und kann dadurch behaupten, es gibt einen Gott.

Ruhe will aber auch gestaltet werden. Ebenso, wie der Urlaub oder die Freizeit gestaltet und geplant wird, will auch die Ruhe gestaltet werden. Sonst droht die Gefahr, dass die Ruhe eine beunruhigende Zeit wird. Beunruhigend wird Ruhe dann, wenn die Ruhe nicht ausgefüllt wird. Wenn die Zeit nicht zu vergehen scheint, wenn wir alleine sind oder uns so fühlen, dann wird Ruhe beunruhigend. Dann kann sie uns Angst machen, lähmen und deprimieren. Sicher kennen oft einsame Menschen diese Form der Ruhe viel besser, als ihnen lieb sein kann.

Wie kann nun aber Ruhe so gestaltet werden, dass sie im Sinne des Schöpfers gestaltet wird? Die Antwort ist sicher einfacher als man annehmen könnte: Wie Sie in Ihrem Urlaub selbstverständlich Zeit haben, sich intensiver als sonst um Beziehungen zu kümmern, so kann das auch für die Beziehung zu Gott gelten. Nehmen Sie sich doch mal wieder Zeit für ein Gebet. Lesen Sie ein wenig in der Bibel oder besuchen Sie einen Gottesdienst. Sicher kann auch ein Besuch bei einer lieben Person aus ihrem Umfeld eine Sache sein, wo Sie die Ruhe so gestalten, wie sich Gott das vorstellt. Wenn Ihnen das alles nicht zusagt, habe ich einen letzten Tipp für Sie: Lesen Sie doch einfach mal das Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ unter der Nummer 503. Paul Gerhard hat dort viele Themen angeschnitten, die auch hier vorkamen. Dafür brauchen Sie aber schon ein wenig Ruhe, das Lied hat 15 Strophen.

Mit dem Wunsch für ruhige Tage über den Sommer grüße ich Sie herzlich,

Ihr Vikar Matthias Baral