Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche

Liebe Gemeindeglieder,

Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. So werde ich es meinen Schülern im Religionsunterricht beibringen, wenn wir Pfingsten thematisieren. Ungefähr 2000 Kerzen werde ich aber nicht mit in den Klassenraum bringen, auch wenn die Kirche schon so alt ist. Sie ist etwas in die Jahre gekommen und manche werden auch sagen, sie hat ihre besten Tage bereits gesehen. Alt, schwerfällig und wenig erfrischend scheint sie um die Ecke zu kommen. Die Kirche ein Auslaufmodell?

Manch ein Theologe sieht das anders. Adolf Schlatter meinte sogar einmal überspitzt: Jesus sei gekommen, um die Gemeinde zu gründen. Also nicht zuerst darum, den Sühnetod zu durchleiden und sich drei Tage später in aller Herrlichkeit über den Tod zu erheben, sondern um die Gemeinde zu gründen. Spontan könnte einem der Gedanke in den Sinn kommen: Hätte sich Gott nicht etwas Besseres einfallen lassen können?

Ein Grund, warum die Kirche einen schlechten Ruf hat, sind wohl die vielen Gewalttaten, die im „Namen Gottes“ verübt wurden. Aktuell wird man wieder an den Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt erinnert, aufgrund der vielen Gräueltaten, die im Namen des Islam verübt werden. Aber auch im Christentum gab es verheerende Kriege. Etwa den sogenannten 30-jährigen Krieg. Damals starben ca. 6 Millionen Menschen. Heute noch begegnen mir Menschen, die aufgrund dieses Krieges aus der Kirche austreten. Das ist schade und für mich unverständlich. Zunächst, weil dieser Krieg schon mehrere Jahrhunderte zurückliegt. Zum anderen frage ich mich, warum kein Mensch aufgrund des Zweiten Weltkriegs seine deutsche Staatsbürgerschaft niederlegt und Schweizer wird? Der Zweite Weltkrieg - von Nazi-Deutschland verantwortet, nicht von der Kirche - forderte zehnmal mehr Tote. Warum sagt niemand: „Aufgrund des zweiten Weltkrieges will ich nicht mehr Deutscher sein und stattdessen Schweizer werden!“ Das wäre seltsam und wir fänden ein solches Verhalten etwas komisch. Aber mit dem gleichen Argument treten viele unserer Zeitgenossen stolz und hoch erhobenen Hauptes aus der Kirche aus. Das will ich ihnen nicht verwehren, aber sinnvoll scheint es mir nicht zu sein.

Ein anderes Argument ist die Kirchensteuer, die „viel zu hoch“ ist. Jedenfalls ist dies für einige der Grund, der Kirche den Rücken zu kehren. Dabei versichere ich Ihnen eines: Sie können, wenn Sie in der Kirche sind, – ohne schlechtes Gewissen – eine Spendengala an Weihnachten für einen guten Zweck im Fernsehen sehen, auch wenn Sie an diesem Abend nichts geben werden. Aus einem einfachen Grund: Die Kirche macht mit Ihrem Geld sehr viel Gutes, auch wenn es im Hintergrund stattfindet und Sie es nicht zwingend mitbekommen. Ein Grund, gegen den mir kein Einwand einfällt, mir aber Respekt abnötigt, ist, wenn Menschen sagen, sie können mit diesem Christentum, mit diesem Glauben, ja mit diesem Gott nichts mehr anfangen und darum aus der Kirche austreten. Das ist aufrichtig und konsequent. Das respektiere ich.

Aber wir waren ja bei der Frage, ob die Kirche eine gute Idee Gottes war. Leider muss ich gestehen, dass ich das nicht zu beurteilen vermag. Aber da ich als Christ ein gewisses Gottvertrauen habe, sehe ich keinen Grund anzunehmen, Gott würde grundsätzlich schlechte Ideen haben. Vielmehr muss ich zugeben – manchmal offen, manchmal kleinlaut – er hat meist ausgezeichnete Ideen. Darauf komme ich nicht immer gleich, aber hin und wieder bringt Gott mich zum Staunen.

Es gibt für mich gute Gründe in der Kirche zu sein, selbst wenn ich mich hin und wieder über sie ärgere. Darum freue ich mich auf ihren Geburtstag, auf Pfingsten. Nicht, weil ich mich für alte Gebäude oder alte Geschichten begeistern kann, sondern weil diese lange Geschichte der Kirche Gottes Treue zeigt. Er steht treu zum Menschen – zu mir, zu Ihnen – , auch wenn da in unserer Lebensgeschichte nicht immer alles toll ist, auch wenn die Lebensgeschichte nicht nur eine Erfolgsgeschichte ist, sondern auch Schweres für uns bereit hält. Manchmal selbst verschuldetes Schweres, manchmal unverschuldetes. Dennoch gilt: Gott hält treu zu uns! Und, um die Jahreslosung zu bemühen, Gott schenkt uns ein neues Herz und einen neuen Geist!

Das zu erwarten und zu erbeten, dazu kann uns das Pfingstfest eine Erinnerung sein und kann so zu einem Freuden-, einem Geburtstagsfest werden.

Eine freudige Pfingstzeit!
Ihr Vikar Matthias Baral