„Traube am Weinstock“

Die Fragen an Peter Huhn stellte Jürgen Sinn

Kannst du etwas über dein Leben erzählen?
Es ist spannend, wie Gott mein Leben gestaltet hat, in besonderer Weise durch Menschen, die mich begleitet haben und immer noch begleiten. Allen voran meine Eltern, sie sind bereits ganz bei Gott.
Ich mache gerade eine Weiterbildung in transaktionaler und systemischer Seelsorge, außer dem sperrigen Namen ist es eine sehr hilfreiche Seelsorge-Weise. Da wurde mir in den vergangenen Wochen immer deutlicher bewusst, dass sowohl meine Mutter, als auch mein Vater ausgesprochen liebevolle und geduldige Menschen mir gegenüber waren. Ich werde es mein Leben lang nicht vergessen, wie mein Vater bei einem von mir (19 jährig) verursachten Autounfall mit dem Geschäftswagen sehr barmherzig war. Er hat mich nicht geschimpft, sondern sagte: „Das kriegen wir wieder hin.“
Meine Eltern haben mit ihren herzlichen und gütigen Wesenszügen maßgeblich dazu beigetragen, dass Gott mir einfühlsame seelsorgerliche Begabungen geschenkt hat.

Weitere Personen, die mir wichtig waren, sind meine Großeltern. Leider habe ich sie nur selten erlebt, weil sie in der damaligen DDR lebten und nur wenige Wochen im Jahr zu uns zu Besuch kommen durften. Aber ich erlebte besonders meine Großmutter mütterlicherseits als willensstark, nicht konform mit dem DDR-Regime, christlich und theologisch in keine Schublade zu stecken. Auf meine Frage als junger Theologiestudent, wer ist dein Lieblings-Theologe, sagte sie prompt: Karl Barth. Ich hatte mit Martin Luther, Augustinus oder Paulus gerechnet. Des Rätsels Lösung war, sie hatte davor ein Buch über diesen großen Theologen des 20. Jahrhunderts gelesen, das sie mir dann geschenkt hat.

Dann habe ich auch meinem Bruder Harald viel zu verdanken. Er ist der beste Bruder, den man sich vorstellen kann, humorvoller Gastgeber (zusammen mit seiner Frau), kann einem alles vom Wald und von Pilzen erzählen und liebt seine drei Enkelkinder mit viel Kreativität (Physiotherapeuten sind Bewegungs- und Motivationskünstler). Wir haben gemeinsam unsere Mutter und unseren Vater bis zur Schwelle der Ewigkeit (2006 und 2017) begleitet in tiefer Dankbarkeit.

Im Besonderen möchte ich meine liebe Frau Birgit nennen, manche von Ihnen kennen sie von den Gottesdiensten her. Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Wir dürfen in diesem Jahr unsere Silberhochzeit feiern, darauf freuen wir uns und sind Gott sehr dankbar, dass er uns nach wie vor mit viel Segen beschenkt.

Wir glauben beide an Jesus Christus, sind in unserer Auffassung von Erziehung fast immer einer Meinung, lieben gute, konkrete, persönliche, von Gottes Wort geleitete Predigten (z.B. von Friedemann Wenzke; wir freuen uns auf den neuen Pfarrer unserer Gemeinde) und genießen selbstgemachten Latte Macchiato und Tiramisu.

Uns beiden gemeinsam ist auch unsere Begeisterung über die Kreativität und Einzigartigkeit von Kindern. Meine Frau unterstützt mich in meinem Dienst als Krankenhaus-Seelsorger besonders da, wo ich mit den Eltern und Kindern vom Kinderzentrum Maulbronn bastle oder Familiengottesdienste feiere, und wenn ich Birgit die eine oder andere Predigt probe-hören lasse.

Und natürlich unsere Kinder bereichern mein/unser Leben. Micha (20 J.) studiert Informatik im 3. Semester mit großer Begeisterung und Begabung. Und Hanna (14 J.), die neben unseren 5 Tieren (2 Kaninchen und 3 Wellensittiche) gerne noch einen Hund und ein Pferd haben würde.
Neben einigen weiteren Menschen, die mich geprägt haben, möchte ich noch meine Erzieherin im Kindergarten (1965-68) in Dietenheim an der Iller (meine Heimat) nennen. Sie war katholische Ordensschwester und förderte meine musische und kreative Begabung. Sie machte grundsätzlich keinen Unterschied, ob ein Kind katholisch oder evangelisch war, was damals recht selten war. Durch Schwester Revokata wurde wohl mein ökumenisches Herz schon sehr früh angeregt.

Noch kurz zu meinen Hobbys: ich höre gerne Musik, von Bach bis Jarrett, also von Klassik bis Jazz (außer Techno), fahre gerne Stocherkahn auf dem Neckar in Tübingen und sehe mit meiner Frau gute (Kino-)Filme an – zu empfehlen: „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und der deutschen Nachwuchsschauspielerin Helena Zengel.

Wie bist du Christ geworden?
Neben der liebevollen christlichen Erziehung meiner Eltern hat ein Krankenhausaufenthalt als 19 Jähriger mein Leben verändert. Dort gab mir eine methodistische Schwester ein evangelistisches Buch von Friedhold Vogel und so vertraute ich mein Leben Jesus Christus an. Bis heute hat er mich nicht enttäuscht und mich sogar den Weg ins Theologiestudium und in den Pfarrdienst geführt. Damals beeindruckten mich auch die Bibelarbeiten von Jörg Zink auf den Kirchentagen und die Vorträge von Klaus Vollmer.

Warum bereichert es ein Leben, wenn man Christ ist?
Mich bereichert mein christlicher Glaube, weil er immer, auch in Krisenzeiten wie der Pandemie, Hoffnung auf ein Morgen und die Gewissheit auf die Ewigkeit gibt. Davon spricht mein Konfirmationsspruch aus Psalm 27, 1: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“
Dies hat uns auch Jesus versprochen, wir brauchen ihm einfach nur nachzugehen. Nachfolge ist Leben mit Christus im Alltag und am Sonntag. Also so viel wie möglich Kommunikation mit ihm wagen - in Freude und Dankbarkeit, Gespräch und Diskussion, Ärger und Fragen, und Lobpreis: „Wie einzigartig Du wieder mit mir den Tag gestaltet hast.“
Christsein ist deshalb herausfordernd und bereichernd zugleich, weil mir Gott tägliche Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen schenkt. Da lerne ich, geduldig zu sein gegenüber meinen Mitarbeitern*innen in den Krankenhäusern und an meiner seelsorgerlichen Einfühlsamkeit ständig weiter zu arbeiten. Aktives, für unsere Gesellschaft wertvolles Christsein finde ich in allen Frömmigkeitsrichtungen. Es ist überraschend, wen ich mir schon zum Vorbild ausgesucht habe, vom evangelistischen Jugendwerkler bis zur feministischen Kollegin.

Warum hast du dir mit deiner Familie gerade unsere Gemeinde ausgesucht?
Ich war von 2010 bis 2018 Gemeindepfarrer in Unterriexingen und habe in dieser Zeit ein paar Mal in Kleinsachsenheim gepredigt. Friedemann Wenzke wurde mir ein liebgewonnener Kollege. Als ich auf die Krankenhauspfarrstelle Maulbronn/Mühlacker gewählt wurde und auf der Linie Sachsenheim – Mühlacker bzw. Maulbronn kein Pfarrhaus frei war, fanden wir eine Wohnung in Untermberg. Wir ließen uns dann kirchengemeindlich ummelden nach Kleinsachsenheim und fühlen uns sehr wohl hier.
Übrigens meine Frau und ich waren seit dem 2. Lockdown nicht mehr präsent im Gottesdienst in Kleinsachsenheim (außer Weihnachten und Silvester). Das liegt schlicht an der Tatsache, dass wir beide „systemrelevante“ Berufe haben im Kindergarten (meine Frau ist Erzieherin) und in den beiden Krankenhäusern. Wir möchten keinen Virus in die Gemeinde herein – oder heraustragen. Der zweite Grund ist, dass ich seit Januar auch am Wochenende im Kinderzentrum arbeite. Es werden sicher bessere Zeiten kommen. Es ist schön, dass die Gottesdienste online übertragen werden.

Wie sieht Dein Dienst in den Krankenhäusern aus und was schätzt an dieser Arbeit?

Leider ist der Dienst in Mühlacker gerade etwas eingeschränkt und so kann ich mich auch an den Wochenenden den Eltern mit ihren Kindern im Kinderzentrum widmen. Im Kize werden Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Handicaps und Erkrankungen wie z.B. Autismus, Störungen im Sozialverhalten, Probleme mit dem Essen und Lähmungen therapiert.
Mein Dienst umfasst seelsorgerliche Gespräche, Familiengottesdienste, Spaziergänge, Kaffeerunden, Mitarbeiter-Andachten, Bastelangebote, Guten-Abend-Geschichten mit einer Handpuppe, Jungscharstunden, Filmnachmittage mit Gespräch und gemeinsames Singen (zur Zeit nur mit Bewegungen).
In Mühlacker besuche ich die Senioren auf der Geriatrischen Reha und die Patienten im Akut-Krankenhaus. Monatliche schriftliche Andachten, Präsenz-Gottesdienste, Singen mit einer Bläsergruppe und eine Ausleihbücherei gehören dazu.
In beiden Krankenhäusern liegen mir auch die Mitarbeiter*innen sehr am Herzen und so kam es auch schon vor, dass ich Angehörige der Mitarbeiter beerdigt habe.
An meiner Arbeit schätze ich sehr, dass jeder Tag anders ist. Jede Patientin, jedes Kind, jeder Jugendliche ist in seiner Erkrankung ein von Gott unendlich geliebter Mensch. Alle sind es wert, sich ihnen seelsorgerlich mit Leib und Seele zuzuwenden. Dabei komme ich auch an meine Grenzen und so habe ich mir ein Gebetsbuch angelegt, in das ich konkrete Gebetsanliegen notiere. Kürzlich konnte ich wieder das kleine und doch so wichtige Wort: Danke! an den Rand schreiben.

Wie gehst du damit um, dass es auf der Welt so viel Leid gibt und Gott schaut zu, z.B. Corona?

Das ist eine interessante Frage, denn ich bin überzeugt, dass Gott nicht zuschaut, gerade auch nicht bei Corona, sondern mitten im Leid ist, so wie es Jesus selber gelebt und erlitten hat.
Kürzlich habe ich einen hervorragenden Aufsatz von Prof. W. Ritter gelesen. Dort beschreibt er die immense Vielfalt der biblischen Aussagen über Leid, Gott und die Menschen. Ich möchte gerne einen Teil daraus zitieren: „Im Alten Testament wird Leiden auf menschliche Schuld zurückgeführt (1. Mose 3, 16-19) und die Hinnahme guter wie böser Tage aus Gottes Hand empfohlen (Hiob 1, 21). … Leid kann verstanden werden als Strafe, Erziehung, Plan, Versuchung Gottes, als auferlegte Last und Anlass zum Wachsen. Im Hiobbuch steht die Vorstellung, Gott prüfe oder erziehe durch Leiden, neben dem Bekenntnis zu Gott, der in der Schöpfung „allmächtig“ handeln kann „wie er will“ und überwältigend begegnet (Hiob 38-42). … Jeremia wird massiv ins Leiden gezogen und bei Jesaja kommt ein stellvertretend leidender Gottesknecht in Sicht.
Im Neuen Testament kann Jesus Christus als der exemplarisch Leidende (Philipper 2, 5ff) und als Leidens-„Vorbild“ (ich ergänze: Mitleidender) verstanden werden. Jesus preist Leidende selig, wendet sich ihnen zu und heilt Zahlreiche zeichenhaft, ohne die Welt leidensfrei zu machen. Das Leid in der „seufzenden Schöpfung“ ist nach Jesus und Paulus nicht von Gott gewollt, sondern Hinweis darauf, dass sie „gebrochen“ ist und ihrer Vollendung entgegengeht (Römer 8, 19ff). Dabei stehen die Leiden dieser Zeit in keinem Verhältnis zur kommenden Herrlichkeit (Römer 8, 18). Paulus kann die eigenen Leiden von der Passion (Leiden) Christi her verstehen (2. Korinther 4, 10). Und wenn „(Gottes) Kraft in der Schwachheit zur Vollendung“ kommt (2. Kor. 12, 9), muss Leiden weder Strafe Gottes sein noch ein Leben fernab von Gott bedeuten.“ (aus `Leiden, Gott und wir Protestanten´, Prof. Werner H. Ritter, Deutsches Pfarrer*innen-Blatt, 2/2021, S. 105).

Ich verstehe diese Aussagen-Vielfalt der Bibel so, dass wir darin von Gott ermutigt werden, uns aktiv und im Gespräch mit ihm und untereinander über eigene Leiderfahrungen und über die Corona-Krise auseinanderzusetzen. Das ist eines vom Persönlichsten und Ehrlichsten, was es im Glauben gibt. Da dürfen Gefühle wie Angst, Trauer, Verletzung, Ärger, Verzweiflung bis hin zu Dank und Lobpreis für durchgestandene Wüstenstrecken vorkommen.