„Traube am Weinstock“

Hier lesen Sie ein Interview mit Yidong Ma
Die Fragen stellte Jürgen Sinn

Lieber Yidong,
wie bist du denn zum Glauben an Jesus Christus gekommen?

Ich bin 1976 bei Shanghai in China geboren. Meine Familie ist, wie die meisten Familien in China, atheistisch geprägt. 2003 kam ich nach Deutschland und studierte an der Universität Stuttgart „Wasserbau“ in englischer Sprache. Nachdem ich meinen Studiengang abgeschlossen hatte, arbeitete ich in Reichenbach in Ostdeutschland.

Während meiner Zeit in Reichenbach kamen immer wieder Christen zu mir nach Hause. Es kamen auch Zeugen Jehovas zu Besuch. Mit den Zeugen habe ich viel über den Glauben diskutiert. Ich habe auch beide Gemeinden besucht, die der Jehovas Zeugen und die der Evangelischen Kirchengemeinde. Alle Leute waren zu mir, dem Ausländer, sehr nett und freundlich. Aber ich lebte damals ohne Gott, interessierte mich eigentlich nicht für ihre Gottesdienste. Ich bin mitgegangen, weil sie mich eingeladen hatten. Ich war auch ein wenig neugierig. Viele Dinge fand ich seltsam. Ich habe eine Tante, die ist gläubige Christin. Sie hat mir 2012 eine Bibel gegeben. Ich habe angefangen zu lesen. Das 1. Buch Mose war damals für mich nicht so interessant, weil ich an die Evolutionslehre glaubte. Die meisten Chinesen glauben an keinen Gott und an die Evolution. Ich konnte Gott nicht sehen, nicht hören oder fühlen. Ich hatte damals einen guten chinesischen Freund in München. Er hat mir ein chinesisches Buch gegeben. Darin schrieb der Autor von seiner Glaubensgeschichte, wie er ursprünglich nicht an Gott glauben konnte, weil er ihn nicht sehen konnte.

Später dachte er darüber nach, warum das Grab von Jesus am Ostermorgen leer war und wie es zu diesem leeren Grab kommen konnte. Er kam zu dem Schluss, dass die Auferstehung wahr sein muss, weil alle anderen denkbaren Möglichkeiten unwahrscheinlich sind. Jesus war für ihn z. B nicht nur scheinbar sondern wirklich tot, weil es in Johannes 19, 34 heißt, dass ein Soldat mit einem Speer den Leichnam so verletzt habe, dass Wasser und Blut aus dem Körper austraten. Bevor ich dieses Buch gelesen hatte, habe ich an nichts Übernatürliches geglaubt. Das Buch hat mich dann überzeugt, dass Gott existieren muss, weil sonst sein Sohn nicht auferstanden wäre. Danach begann ich wieder in der Bibel zu lesen. Ich habe mir viele Videos angeschaut, die mir die wichtigsten Inhalte der 66 biblischen Bücher erklären wollten. Jedes Video habe ich drei Mal angeschaut.  Doch viele biblischen Bücher sind schwierig zu verstehen.

2015 begann ich in Kleinsachsenheim zu arbeiten. Zunächst wohnte ich in Möglingen, 2016 in meiner Kleinsachsenheimer Firma und seit 2017 in Bietigheim. In meiner Kleinsachsenheimer Zeit suchte ich eine Gemeinde in der Nähe. Eines Tages wurde ich zu einem Abendessen in das Evangelische Gemeindehaus nach Kleinsachsenheim eingeladen. Es waren auch viele Flüchtlinge da. An diesem Abend habe ich die Familie Weißflog kennengelernt. Die Luba und der Udo haben mich dann in die Gemeinde eingeladen. Später hat mir Eberhard Müller eine Einladung zu einem Alpha Kurs gegeben. In diesem Kurs habe ich Jesus noch besser kennengelernt. Besonders beeindruckt hat mich das Alphawochenende mit dem Thema: „Heiliger Geist“. Man hat mir ein Tuch vor die Augen gebunden und ich musste mit verbundenen Augen gehen. Da habe ich begriffen, dass Gott immer bei mir ist, dass Gott mich führt und begleitet, dass er um mich ist. So wie der „blinde“ Yidong damals von Hans geführt wurde, so führt mich Gott. Das habe ich damals begriffen. Im Alphakurs haben wir unsere ganzen Verfehlungen auf ein Blatt Papier geschrieben und dieses Papier wurde danach verbrannt. Ein Zeichen dafür, dass unsere Sünden von Jesus vergeben sind. Ich war danach in zwei Hauskreisen. Zum einen bei der Familie Delesky in Kleinsachsenheim und zum anderen in einem chinesischen Hauskreis in Bietigheim. In der chinesischen Gemeinde gibt es einen Taufkurs. Der Tauftermin kam näher, aber ich habe innerlich noch gezögert, weil ich noch kein übernatürliches Phänomen erlebt hatte. Eines Nachts träumte ich, dass eine Stimme auf Deutsch mit mir sprach. Diese Stimme sagte, dass ich mich taufen lassen sollte. Dann war ich sicher, dass mein Weg der richtige Weg ist. Ich hatte keine Zweifel mehr und ließ mich taufen. Am 23. November 2016 wurde ich in Kornwestheim getauft. Das war für mich ein großes Erlebnis. Ich musste mir einen Taufspruch auf Deutsch auswählen, das wollte die evangelische Pfarrerin, die mich taufen sollte, von mir. „Zufälligerweise“ hatte meine chinesische Gemeinde denselben Taufspruch für mich ausgewählt. Das war kein Zufall!! Psalm 86, Vers 11: „Weise mir HERR deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit“. Bis heute habe ich das Gefühl, dass Gott mir hilft zu glauben. Das bin nicht ich, das ist Gott und sein Heiliger Geist, die bei mir sind. Viele Leute in der Chinesischen Gemeinde hatten für mich gebetet. Sie freuten sich dann sehr, als ich mich taufen ließ. Gottes Gnade kann man nicht sehen, aber man kann sie empfinden, wenn man in der Bibel liest. Bei Mt. 7 ,7 heißt es: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden“. Man muss also schon aktiv sein, damit man Gottes Gnade wahrnehmen kann.

Heute bin ich in der Kleinsachsenheimer Gemeinde und in der chinesischen Gemeinde. Seit einiger Zeit arbeite ich in Kleinsachsenheim beim Kirchencafe mit. In der chinesischen Gemeinde singe ich im Chor.
In der Zeit der Pandemie habe ich alle Gottesdienste über das Internet erlebt. Derzeit bin ich dabei, einen chinesischen Hauskreis zu leiten.

Welche Unterschiede gibt es zwischen dem chinesischen und dem deutschen Glaubensleben?

Die deutschen Kirchenlieder haben eine wunderbare Sprache und eine große Tiefe. Von den modernen Liedern gefällt mir „10 000 Gründe“ ganz besonders. Dieses Lied gibt es auch auf Chinesisch, aber den deutschen Text finde ich besser. Deutsche Hauskreise sind eher nüchtern, man trinkt ein Glas Wasser und konzentriert sich auf die Texte. Im chinesischen Hauskreis gibt es viele Kekse und Früchte. Das Gespräch über den Glauben beginnt später. Davor isst man und spricht über die Woche. Der Ablauf der Gottesdienste ist ziemlich ähnlich. In einem chinesischen Gottesdienst gibt es normalerweise keine Anspiele wie z. B. „Heinz und Helga“. Nur an Weihnachten gibt es ein Krippenspiel. In unserer Kleinsachsenheimer Gemeinde gibt es die Gemeindefreizeit. Da gibt es viel Spiel und Spaß. Solch eine Freizeit gibt es in meiner anderen Gemeinde nicht.

Warum bist du überhaupt nach Deutschland gekommen?

Ich komme aus einer normalen chinesischen Familie. Es ist für einen Chinesen immer gut, im Ausland studiert zu haben. Mit 27 Jahren kam ich nach Deutschland zum Studieren. Nach meinem Studium wollte ich noch Arbeitserfahrungen im Ausland sammeln, da bot sich Deutschland an. Ob ich in Zukunft wieder in China arbeiten werde, hängt von meiner Firma ab. Ich bin eine Art „Brücke“ zwischen China und Deutschland. So kann ich auch einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den beiden Kulturen?

Wenn man in Deutschland ein Geschenk bekommt, muss man es vor den Augen des schenkenden Menschen öffnen und sich sichtbar freuen. In China ist dies nicht höflich. In China zeigt man mit dem Finger nicht auf andere Menschen. Das ist in Deutschland kein Problem. In China schmatzen die Menschen während dem Essen, in Deutschland ist dies verpönt, man möchte es schon den Kindern abgewöhnen. In China ist dafür das offene Schneuzen nicht gerne gesehen, in Deutschland kann man das schon tun. Deutsche kennen und verwenden Visitenkarten, in China gibt es diesen Brauch nicht, nur wenige verwenden Visitenkarten. In Deutschland macht man in der Regel über das Telefon einen Arzttermin aus. In China ging man früher einfach hin und wartete bis man an der Reihe war. Heute holt man sich Online einen Termin, ohne mit der Arztpraxis zu sprechen.

Kannst du etwas über die Kirche in China erzählen?

1949 gab es die kommunistische Revolution. Ein Jahr später wurde vom Staat die 3 Selbst Kirche registriert.
Aktuell gibt es 5-6 Mio registrierte Katholiken und etwa 8 Mio Katholiken im Untergrund. Etwa 18 Mio Protestanten sind staatlich registriert, etwa 40 Mio Protestanten treffen sich in nicht staatlich registrierten Hauskirchen im Untergrund.
Etwa 5% aller Chinesen sind auf die eine oder andere Weise Christen.
Mehr als 50% sind Atheisten. Sehr gerne würde ich auch meine Eltern zu Jesus führen, aber das ist aus vielen Gründen sehr schwierig.

Lieber Yidong,
ich danke dir für das Gespräch.