TRAUBE AM WEINSTOCK Interview mit Hans-Wigand Grün

Die Fragen stellte Jürgen Sinn.

Lieber Hannes, du hast einen für unsere Gegend fremd klingenden Vornamen, Hans-Wigand. Gibt es dazu eine Geschichte?
Eigentlich keine richtige Geschichte. Hans warder Vorname meines Vaters und Wigand war der Vorname meines Großvaters mütterlicherseits. Da der Vater meines Vaters Hermann hieß, habe ich auch noch „Hermann“ als zweiten Vornamen. In meinem Pass steht also Hans-Wigand Hermann Grün.
Mir ist noch nie ein Mensch begegnet, der den Namen Wigand trägt. Wo der Name herkommt, weiß ich nicht, aber ich habe gehört, dass „vigandus“ aus dem lateinischen kommen soll und „Kämpfer“ bedeuten würde. Aber ein Kämpfer bin ich nicht. Mein Rufname lautet im Allgemeinen Hannes.

Kannst du uns ein wenig über dein Leben berichten?
Geboren bin ich in Berlin Spandau. Mein Vater war Pfarrer. Ich habe noch eine ältere Schwester. Den Mauerbau 1961 habe ich mit 10 Jahren nicht direkt erlebt. Wir waren damals gerade im Urlaub in der Fränkischen Schweiz. Der Wirt unseres Gasthofes informierte uns damals über die Situation in Berlin. Ich erinnere mich noch an die Schockstarre, die uns ergriff, als wir damals dann im Gasthaus die Tagesschau anschauten. Meine Mutter wollte aus Angst vor den Russen nicht mehr nach Hause. Mein Vater wollte aber zurück, er hatte ja seine Gemeinde in Berlin.
Nach dem Stimmbruch habe ich im Kirchenchor in unserer Gemeinde gesungen. In Berlin bin ich zur Schule gegangen, lange und mit wenig Erfolg. Ich brach eine Verwaltungsausbildung bei der Berliner Landeskirche ab und wurde Beamtenanwärter beim Senat in Berlin.
Im Mai 1973 habe ich Roswitha geheiratet. Wir hatten uns in der Berufsschule kennengelernt. Wir „mussten“ heiraten, damit wir die Wohnung von Roswithas Eltern übernehmen  konnten, um zusammen wohnen zu können. In Berlin bekamen wir vor unserem Umzug nach Baden-Württemberg den „Stacheldrahtkoller“. Man war eingezäunt und konnte kaum ins Grüne fahren. Da Roswithas Eltern schon in Stuttgart lebten, zog es uns auch in diese Gegend. Nachdem wir eine Weile in Stuttgart gelebt hatten, kamen wir 1977 nach Kleinsachsenheim.
Unsere Tochter Cornelia ist 1975 noch in Stuttgart geboren, unser Sohn Christian dann 1979 in Bietigheim. Als Verwaltungsbeamter arbeitete ich zunächst in Stuttgart, später in Pforzheim. Zuletzt war ich dort im Bürgerzentrum beschäftigt.  Hier war ich zuständig für Einbürgerungen. Ich kann von mir erfreulicherweise behaupten, dass ich jeden Tag gern zur Arbeit gegangen bin. Seit 2014 bin ich im Ruhestand.

Wie bist du Christ geworden?
Es gab bei mir kein Schlüsselerlebnis. Ich bin in den Glauben hinein gewachsen. Mein Vater missionierte Menschen nicht mit Nachdruck, so dass ich frei aufwachsen konnte. Ich habe meine Jugend in einer Pfarrersfamilie miterlebt, mit allen Vor- und Nachteilen. Vor dem Essen wurde gebetet. Für mich waren meine Eltern Vorbilder, weil sie keinen Druck ausgeübt haben. Ihr Glaubensleben war irgendwie selbstverständlich. Ich habe erst später bemerkt, wie fließend ich zum Glauben gekommen bin. Glaube als selbstverständlicher Bestandteil des Lebens. Ich kann nichts damit anfangen, dass man Glaube „politisiert“. Dass soll heißen, dass ich u.a. mit den verschiedenen Parteien oder Fraktionen in der Synode nicht viel anfangen kann.

Was gefällt dir an unserer Kirchengemeinde in Kleinsachsenheim?
Dass wir einerseits sehr vielfältig sind, dass wir aber doch alle am gleichen Strang ziehen. Ich habe das Gefühl, wir wachsen immer mehr zu einer Gemeinschaft zusammen. Bei vielen Gemeindeveranstaltungen sind jung und alt anwesend. In einer so großen Gemeinde wie der unseren ist es unmöglich, dass alle in die gleiche Richtung denken. Wir sind eine landeskirchliche Gemeinde, die ein Dach für viele, auch unterschiedliche Menschen bildet. Trotzdem ist die Gemeinschaft spürbar.
Ich war und bin sehr gern in unserer Gemeinde, weil ich mich hier zuhause fühle.

In welchen Bereichen unserer Kirchengemeinde arbeitest du aktiv mit?
Ich bin aktiv im Kirchengemeinderat als 2. Vorsitzender, im Verwaltungsausschuss und auch im Bezirkskindergartenausschuss. Für den Gemeindebrief bin ich im Redaktionsteam. Ich fahre und trage auch die Gemeindebriefe aus. Außerdem betreue ich die Homepage der Kirchengemeinde.

Im Herbst sind wieder Wahlen für den Kirchengemeinderat. Wie lange warst du KGR und warum stellst du dich nicht mehr zur Wahl?
Ich wurde 1984 zum ersten Mal gewählt. Seither habe ich nur eine Wahlperiode ausgesetzt. Ich höre auf, weil ich lange genug dabei war. Aufgrund der Länge der Zeit verspüre ich eine  gewisse Amtsmüdigkeit. Für mich ist mit 68 Jahren einfach Schluss. Ich gehe nicht im Groll. Für mich ist dies einfach meine Grenze. Ich will nicht einer werden, der immer von „früher“ erzählt.

Wir suchen ja noch Kandidaten für die Wahlen im Herbst. Welcher Arbeitsaufwand kommt auf die zukünftigen Kirchengemeinderäte zu und welchen Gewinn können sie möglicherweise für sich daraus ziehen?

Es gibt eine Abendsitzung im Monat. Über zusätzliche Termine entscheidet in der Regel jeder für sich selbst, je nachdem wie stark man sich einbringen will. Als Person im Kirchengemeinderat hat man viele Möglichkeiten der Mitwirkung und Gestaltung. Die Einblicke in die Abläufe sind sehr weitreichend.
Manchmal muss man den Spagat aushalten, dass man nicht alles umsetzen kann, was man selbst oder andere Gemeindeglieder gerne hätten. Aber vieles ist auch machbar. Ich kann jedem nur empfehlen, dieses Amt einmal auszuüben.

Du warst über viele Jahre 2. Vorsitzender des Kirchengemeinderates. Was für Aufgaben hat dieses Amt gestellt?
Vorsitzender zu sein bedeutet zunächst ein intensiveres Verwaltungsgeschäft. Man hat z. B. Kontakt zum Dekanat und bereitet Sitzungen vor. Man bekommt einfach mehr auf den Tisch, was man lesen oder unterschreiben muss. Man arbeitet z. B. auch bei der Aufstellung des Haushaltsplanes mit.
Eine Vakatur, also eine Zeit ohne Pfarrstelleninhaber, wünscht sich kein Vorsitzender. Ich habe das mal erlebt. Das ist sehr aufwändig. Man ist dann für fast alles zuständig.
Nachdem wir die Verwaltung der Kindergärten an den Bezirk abgegeben haben, gibt es etwas Luft für andere Dinge. Meine Tätigkeit war mir nie eine Last.

Was machst du gerne?
Ich lebe gerne. Ich genieße die freie Zeit. Ich genieße es, dass morgens kein Wecker klingelt. Ich habe keinen Stress mehr, hatte ich eigentlich nie. Ich habe kein Hobby im klassischen Sinne. Roswitha wirft aus der Küche ein: „Er hilft wo er kann“. Da hat Roswitha schon recht. Ich helfe mal in der Werkstatt vom Schwiegersohn oder bei Nachbarn oder in der  Kirchengemeinde. Der Montagabend ist für den Sport reserviert. Ich gehe seit Jahren zu den Jedermännern des TSV. Und dies nicht nur wegen der Bewegung, sondern auch wegen der Gemeinschaft.

Hast du noch Träume?
Ich würde gerne mit meiner Frau Roswitha nochmal mit den Fahrrad, mit Zelt und Schlafsack, den Rhein entlang fahren. Vor ein paar Jahren fuhren wir schon von Mainz bis zur  holländischen Grenze.

Könntest du bitte noch einige Sätze vervollständigen?
Ich esse gerne... Käsespätzle.
Ich lese derzeit... einen Krimi. Die Kalte Sophie von Felicitas Gruber.
Meine weiteste Reise war nach... Namibia.
Gar nicht leiden kann ich... Linsen mit Spätzle.
Im Urlaub bin ich gerne... in Deutschland.
Meine Frau kann besonders gut... mich unterstützen.
Der Brexit... ist eine Katastrophe.
Am Abend...genieße ich die Ruhe.
Shopping... ist ein Gräuel für mich.
Meine Kinder... sind mir sehr wichtig.
An historischen Persönlichkeiten mag ich besonders... ihre Nachhaltigkeit.

Lieber Hannes, vielen Dank für das Gespräch

Jürgen Sinn