„Traube am Weinstock“

Interview mit Irmgard Auracher und Sieglinde Eschrich, die Fragen stellte Jürgen Sinn.

Liebe Irmgard, liebe Sieglinde,
könntet ihr uns einen Überblick über euer bisheriges Leben geben?

Irmgard Auracher
Ich bin 1935 in Kleinsachsenheim geboren. Damals ist man noch zuhause im Elternhaus zur Welt gekommen. Ich hatte 2 Brüder. Ich komme aus einer christlichen Familie. Es gab Tischgebete, mein Vater war Kirchengemeinderat. Als kleine Kinder wurden wir nicht in die Kirche mitgenommen, weil man damals in der Kirche sehr ruhig sein musste. So ging nur mein Vater in die Kirche, meine Mutter blieb mit den Kindern daheim. Später gingen wir dann in die Kinderkirche. Es kam der Krieg.  Da wo jetzt das Gemeindehaus steht, sind wir zur Schule gegangen. Die Schulkinder gingen bei Fliegeralarm in den Pfarrkeller, den es heute noch gibt. In Kleinsachsenheim gab es Unterricht vom ersten bis zum achten Schuljahr. Es waren immer 2 Klassenstufen zusammen im Unterricht. Während des Krieges gab es bei uns zu essen, weil meine Eltern Landwirte und Winzer waren. Jeden Abend gab es Brotsuppe und Kartoffeln, das Brot wurde im Backhaus selber gebacken. Wir waren Selbstversorger. Es gab Kartoffeln, Karotten und grüne Bohnen, im Winter weiße Bohnen und Sauerkraut. Wir haben auf der Straße gespielt, manchmal auch rund um die Kelter.

Mein Bruder war im Krieg. Er kam später in Gefangenschaft. Man hatte immer Angst vor schlechten Nachrichten. 1945 bis 1947 waren schlimme Jahre. Wir auf dem Land hatten etwas zu essen, aber die Menschen in den Städten hatten Hungersnot. Viele kamen zum Betteln zu uns in die Dörfer. 1948 kam die Währungsreform. Wir bekamen 40 DM pro Person. Am Tag nach der Währungsreform waren die Läden voll.

1950 hatte ich Konfirmation. Damit war auch die Schule fertig. Es gab aber nur ganz wenige Lehrstellen. Mit 14 konnte ich bei Kienle und Spiess anfangen. Wo man mich gebraucht hat, da habe ich geholfen. Ich bekam 45 Pfennige Stundenlohn. Wir arbeiteten 50 Stunden in der Woche. Es gab 14 Tage Urlaub. Wenn man einen freien Samstag wollte, wurde dieser von den 14 Tagen abgezogen. Wir hatten eine Stunde Mittagspause. Wir Kleinsachsenheimer gingen in dieser Stunde zu Fuß nach Hause, aßen zu Mittag und waren nach einer Stunde pünktlich wieder in Großsachsenheim. 1953 habe ich meinen späteren Mann Ernst kennen gelernt. Er war aus Sersheim. Er hat mich immer wieder von meiner Arbeitsstelle nach Hause begleitet. Geheiratet haben wir 1957. Da es damals kaum Mietwohnungen gab, haben wir 1958 unser Haus gebaut. Wir wohnten damals am Ortsrand. In einem harten Winter kamen sogar die Rehe in den Garten. In den ersten Jahren bei Kienle und Spiess gab es vom Betrieb aus jährliche Sonderzüge in den Urlaub. Einmal sind wir bis nach Kandersteg in die Schweiz gekommen. 1965 ist unser Sohn geboren, 1967 kam noch eine Tochter dazu. Damals blieb man zuhause, wenn man Kinder hatte. Wenn die Kinder von der Schule kamen, war ich da. Ich pflegte meine Eltern, sie blieben bis zu ihrem Tod in ihrem Zuhause. Nach meiner Zeit als Hausfrau arbeitete ich noch einige Jahre bei EDEKA.

Sieglinde Eschrich
Ich bin 1936 in Ludwigsburg geboren. Meine Mutter war bei meiner Geburt schwer krank, man wusste nicht, ob ich überlebe. Ich war noch keine 2 Jahre alt, da ist meine Mutter gestorben. Mit 4 Jahren hat mein Vater wieder geheiratet. Wir zogen nach Bissingen. Lange Jahre wusste ich überhaupt nicht, dass meine Stiefmutter nicht meine leibliche Mutter war. Ich bin mit 3 Geschwistern aufgewachsen.
In Bissingen sind wir oft bei Luftangriffen im Bunker gesessen. In diesen Stunden haben wir viel Kopfrechnen geübt. Einmal hatten wir in einer Schulklasse 86 Kinder. Mein Vater war in Gefangenschaft. Meine Oma lebte in Kleinsachsenheim in dem schönen Fachwerkhaus neben dem heutigen Kleeblattheim. Immer wieder bin ich von Bissingen mit dem Rucksack nach Kleinsachsenheim gewandert. Dort habe ich zwei Mal die Woche von meiner Oma Lebensmittel bekommen, was gerade so gewachsen ist. Bei einem Angriff auf den Flugplatz Großsachsenheim war ich gerade unterwegs. Ich habe in einem Straßengraben überlebt. Danach durfte ich nicht mehr nach Kleinsachsenheim wandern. In der Zeit gab es regelmäßige Tierzählungen. Von den geschlachteten Schweinen musste ein Haushalt mit 2 Personen die Hälfte abgeben. Deshalb schlug meine Oma vor, ich solle nach Kleinsachsenheim übersiedeln, dann wäre man zu dritt und dürfte das ganze Fleisch des Schweines behalten.

Mein erster Opa ist 1944 gestorben. Meine Oma heiratete dann wieder. Mein 2. Opa war sehr mit der Kirche verbunden. Durch ihn bin ich in die Kirche gekommen. Zuerst kam ich in die Kinderkirche, später hatte ich Konfirmation. Nach der Konfirmation gab es noch ein Jahr „Christenlehre“. Am Sonntag Nachmittag hat Pfarrer Gunzenhäuser unseren Glauben vertieft. Wir mussten sehr viel auswendig lernen. Nach der Konfirmation haben Irmgard und ich Kinderkirche gehalten. Von da an ging es auch in den Mädchenkreis.

1959 habe ich meinen Mann kennen gelernt und 1960 kamen unsere Zwillinge zur Welt. 1966 hatten wir 4 Töchter. Bis heute habe ich mein Leben in Kleinsachsenheim verbracht.

Erinnert ihr euch an die Kleinsachsenheimer Kirche vor 1950?
Was hat ihr in der Zeit alles erlebt, was ist noch in eurer Erinnerung?

Irmgard
Ich erinnere mich nicht mehr genau an die alte Kirche vor 1944. Lediglich die schmerzvollen Trauerfeiern für die gefallenen Soldaten während des Krieges sind mir in Erinnerung geblieben. Am 4. Dezember 1944 gab es einen Luftangriff auf Heilbronn. Ein Flieger war angeschossen und hat seine Bomben über Sachsenheim abgelassen. Eine Luftmine schlug im Wäldchen zwischen Groß- und Kleinsachsenheim ein. Die Druckwelle war so groß, dass das Kirchendach abgedeckt wurde. Der Dachstuhl war zu einem großen Teil zusammengebrochen, die Fenster waren zerstört, und die Außenwände hatten Risse. Später stürzte auch noch die Decke des Kirchenschiffs ein, so dass das Kircheninnere jedem Wetter ausgesetzt war.

Der Kirchturm blieb unversehrt, aber es gab keine Treppe mehr auf den Turm. So musste die Mesnerin Frida Rapp jeden Tag über eine lange Leiter auf den Turm klettern, um die Kirchenuhr aufzuziehen.
Es war aber nicht nur die Kirche stark beschädigt, auch viele Wohnhäuser waren betroffen. Die Luftmine hatte den halben Ort in Mitleidenschaft gezogen. Meine Familie und ich hatten den Angriff im Keller überstanden. In der kommenden Nacht hatte es geregnet. Da wir viele Lebensmittel,
z. B. Weizen und Gerste, auf dem Dachboden gelagert hatten, waren diese jetzt vom Regen bedroht. Wir haben hektisch versucht, so viel wie möglich in den Keller zu verlagern. Das alles musste bei absoluter Dunkelheit geschehen, weil man ja nachts kein Licht machen durfte.

In den nächsten Tagen holten die Väter mit dem Schubkarren Blechtafeln von Kienle und Spiess, um die Dächer der Häuser wieder zu decken. Bei der Kirche war das nicht möglich. Das Kircheninnere war über Jahre Wind und Wetter ausgesetzt. Als Kinder sind wir 5 Jahre an der Ruine auf unserem Schulweg vorbei gelaufen. Nach der Währungsreform 1948 hat man damit begonnen, die Kirche wieder aufzubauen. Auch wir als Konfirmanden arbeiteten nach dem Konfirmandenunterricht auf der Baustelle. Am 7. Mai 1950 wurde die neue Kirche wieder eingeweiht. Das Programm für die Einweihung habe ich noch im Original aufbewahrt (siehe Fotos). Die Konfirmanden haben vor der Einweihung die Kirche mit der Messnerin Frau Frida Rapp geputzt. Eine Woche später fand unsere Konfirmation statt.
Wir gingen nach dem Gottesdienst nicht in ein Gasthaus, sondern haben zuhause gegessen. Wir waren 19 Buben und 14 Mädchen. Bei der Einsegnung hatte ich Tränen in den Augen. Wir Konfirmanden mussten auf 3 Fragen mit Texten aus der Bibel auswendig antworten.
Die Lieder wurden dreistimmig gesungen, z. B. Tut mir auf die schöne Pforte.

Sieglinde
Irmgard hat ja schon Vieles gesagt.
In der Zeit, als die Kirche zerstört war, gingen wir in die Kapelle der Methodisten. Die Konfirmationen waren über Jahre in Großsachsenehim. Unser Jahrgang wollte unbedingt in Kleinsachsenheim konfirmiert werden. Deshalb haben wir sehr fleißig auf der Baustelle geholfen, damit die Kirche zu unserer Konfirmation fertig wird. Der 14. Mai war der letzte Termin, an dem unsere Konfirmation stattfinden durfte. Es hat zu unserem Glück gerade geklappt. Da man im Krieg 2 Glocken für Rüstungszwecke abtransportiert hatte, kamen 1953 wieder 2 neue Glocken hinzu. Bei der Glockenweihe durfte ich dabei sein (siehe Foto).

Ihr beiden wart der Kirchengemeinde eigentlich euer Leben lang eng verbunden. Welche Bedeutung hat die Gemeinde für euer Leben.

Irmgard
Mein Vater war in der Zeit, als die Kirche wieder aufgebaut wurde, Kirchengemeinderat. Ich bin wie selbstverständlich in den Glauben hinein gewachsen. Über viele Jahre meines Lebens war Pfarrer Gunzenhäuser Pfarrer in Kleinsachsenheim, von 1935 bis 1965. Er hat mich und meinen Glauben sehr geprägt. Ich denke sehr gern an ihn und diese Zeit zurück. Es gab damals noch kein Gemeindehaus. Der „Gemeindesaal“ war in dem Raum, in dem heute das Pfarrbüro ist. Dort trafen sich die ganzen Kreise. Das Fenster nach Westen war damals die Eingangstüre. In meinem späteren Leben habe ich im Kirchenchor gesungen und habe bis heute im Besuchsdienst mitgearbeitet. Zeitweise habe ich der Mesnerin beim Putzen geholfen. Mein Denkspruch bei der Konfirmation war: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“(Jesaja 43,1). Dieser Denkspruch war mir mein ganzes Leben ein guter Begleiter und in vielen Situationen Trost. Ich empfinde mein Leben als von Gott gesegnet und behütet.

Sieglinde
Es hat mir immer Trost geschenkt, wenn ich in die Kirche gehen konnte und kann. Ich war kurze Zeit im Kirchenchor und im Leichenchor, später war ich sehr mit meiner Familie beschäftigt.
Die Gemeinschaft in der Gemeinde war mir immer wichtig.
Heute kann ich wieder regelmäßig in die Kirche gehen und bin sehr dankbar darüber..
Als Kind hatte ich keine Bücher außer der Bibel. Ich habe immer die Geschichten aus dem Alten Testament gelesen. Sie waren spannend und haben mich sehr berührt.
Ich bin jeden Tag Gott für mein Leben dankbar.

Vielen Dank für eure Zeit und das Gespräch