„Traube am Weinstock“

Interview mit Reema John

Die Fragen stellt Jürgen Sinn

Liebe Reema,
kannst du etwas über deinen Werdegang erzählen?


Ich wurde in einer traditionellen christlichen Familie in Südindien geboren. Geboren bin ich in Bangalore, aber Kerala ist der indische Bundesstaat, aus dem meine Eltern kommen. Man kommt bei uns nicht unbedingt aus dem Ort, an dem man geboren ist, sondern aus der Gegend, aus der man kulturell stammt. Kerala ist ein wunderschöner Küstenstaat, einem Land mit vielen Fischen, Kokosnüssen, Mangos und anderen exotischen Früchten. So hat fast jeder dort einen Jackfruit (https://de.wikipedia.org/wiki/Jackfruchtbaum) Baum im Garten, das sind Früchte, die an riesengroße Wassermelonen erinnern.

Es ist ein Land mit einer interessanten Kirchengeschichte, denn Thomas, der Apostel, der Jünger von Jesus, soll dort missioniert haben. Es gibt auch eine jüdische Kolonie und eine jüdische Synagoge in Kerala.

Meine Eltern zogen dann von Kerala nach Bangalore, weil mein Vater einen Job als Ingenieur bei Hindustan Aeronautics Limited bekam.

Ich bin in einem eigenen Haus meiner Eltern aufgewachsen. Ich habe auch noch eine Schwester, die heute in Schweden lebt. Meine Muttersprache ist Malayalam, die Muttersprache in Kerala. In Bangalore gibt es aber Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen, und sie sprechen daher auch ganz unterschiedliche Sprachen. Es ist sehr üblich, die Sprachen aufzunehmen, die man um sich herum hört. Auf diese Weise habe ich 5-6 Sprachen gelernt. Das sind ganz unterschiedliche Sprachen, nicht bloß Dialekte.

Ich habe mein Studium mit einem Abschluss in Elektronik und Kommunikation abgeschlossen. Dann heiratete ich Vinay, den ich bei einem Studienbibelkreis kennengelernt hatte (UESI: uesi.in/). Dann wurde unser Sohn Nathan (Nathan bedeutet, Gott hat es gegeben) in Indien geboren. Mein Mann und ich arbeiten als Software Ingenieure in einem Betrieb in Bietigheim und wohnen in Kleinsachsenheim seit 2014.

Wie bist du Christin geworden?

Als Kind ging ich manchmal mit meinen Eltern in die Kirche. Es hat mich aber nie interessiert, ich fand es sehr langweilig. Als ich in der 7. Klasse war, starb mein Vater an einer Krankheit. Für uns Kinder und meine Mutter war dies keine leichte Zeit. Ich sah meine Mutter oft weinen und war sehr traurig. Es war ein sehr anstrengendes Jahr mit vielen emotionalen Kämpfen und anderen Herausforderungen. In dieser Zeit begann ich darüber nachzudenken, wohin mein Vater wohl gegangen ist und wohin wir alle gehen, wenn wir sterben müssen. Als mein Vater krank war, waren viele Menschen in unser Haus gekommen, um für meinen Vater zu beten. Es wurden auch christliche Lieder gesungen. Ich dachte darüber nach, warum Gott, wenn es ihn denn gibt, meinen Vater nicht geheilt hatte. So begann meine spirituelle Reise, auf der ich mich auf die Suche nach Gott machte.

In meiner Schule hatten viele Mitschüler unterschiedliche religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Hintergründe. Ich begegnete vielen Religionen, viele meiner Freunde hatten eine andere Religion als ich. So begegnete ich z. B. den Jains (Anhänger von Mahaveer Jain), Muslimen (Anhänger Allahs), Sikhs (Anhänger von Guru Nanak) und Hindus (Anhänger vieler Götter). Da ich viel mit meinen Freunden zusammen war, kannte ich mich in all den Religionen recht gut aus. Irgendwann fragte ich mich aber: Es muss doch einen wahren Gott geben, einen Designer dieses gesamten Universums. Einen Designer, der uns mit so viel Präzision erschaffen hat. Ich machte mich daher auf die Suche nach dem einzigen und wahren Gott. Später ging mir dazu Psalm 139 Vers 13 durch meine Gedanken: „Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe....wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele“.

Mein Leben ging wie im Flug weiter, noch immer dachte ich nach, suchte, aber ich fand noch immer keine Antwort. Später ging mir dazu der Text aus Matthäus 7 Vers  7 durch meine Gedanken: „Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan“. In meinem 3. Studienjahr lud mich eine Gruppe Studenten an der Universität zum Bibelkreis ein. Ich wollte aber nicht hingehen. Eines Tages sagte mein bester Freund, selbst Hindu, dass ich doch hingehen sollte, da ich ja schon Christin war. Meinem Freund zuliebe ging ich nun manchmal in diesen Bibelkreis, aber ich ging nur sehr unregelmäßig hin, es hatte die letzte Priorität in meinem Leben. Aber Gott der Herr gab mich nie auf. Nach einem Jahr wurde ich zum Studium des Römerbriefes des Paulus eingeladen. Dies war der Beginn eines lebensverändernden Prozesses.

Am Anfang verstand ich fast nichts. Aber ich nahm nun regelmäßig teil, weil ich einige Freunde gefunden hatte und ihre Liebe und Gemeinschaft mochte. Irgendwann während dieses Studiums des Römerbriefes hatte ich das Gefühl, der Herr habe meine Augen und mein Herz geöffnet. Ich wollte ihm nun folgen und ihm mein Leben widmen. So erkannte ich, was für ein elender Sünder ich war, und dass mich nur Christus durch seine Gnade retten konnte. Bei Römer 10 die Verse 9 -10 heißt es: „Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und mit deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet“. Danach verbrachte ich viel Zeit im Gebet. Ich wurde hungrig und begierig darauf, durch die Bibel mehr von Jesus zu lesen und zu lernen. Es war eine Reise, die ich sehr geschätzt habe, und ich bin meinen christlichen Brüdern und Schwestern dankbar, die mir geholfen haben, im Herrn zu wachsen und dies auch jetzt noch zu tun. Ich fand plötzlich eine andere Familie, Gottes Familie, mit der ich beten und lieben konnte. Ich erkannte, dass mich Gott mit seiner großen Barmherzigkeit und Gnade berufen hat, Teil seiner großen Familie zu sein. Ich brauchte nun keinen Beweis mehr. Ich hatte nun Gewissheit darüber, wer der einzig wahre Gott ist. Der Heilige Geist erfüllte mein Herz, und ich war nun überzeugt, dass Jesus Christus der einzig wahre Gott ist. Bei Johannes 14 Vers 6 heißt es: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich“.

Mein Herz wurde von seiner Liebe gefangen genommen. „Gott ist es aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsere Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat“ (2. Korinther 1, 21- 22).

Wie ging mein Leben als Christin weiter? Als Kind war ich schon syrisch orthodox getauft worden. Nach unserer Heirat haben wir uns nochmals taufen lassen. In einer freien Gemeinde in Bangalore wurden wir in ein großes Becken eingetaucht. Das war ein Zeugnis vor der Welt, dass wir jetzt mit Jesus leben. Mit anderen Freunden in Christus haben wir in Indien Missionsreisen gemacht. Wir kamen beispielsweise nach Odisha, einer Gegend, in der es viel Christenverfolgung gibt. Es war eine arme Gegend ohne Strom und fließendes Wasser. Wir hatten Malaria Präventionsmedikamente dabei und besuchten ein Waisenhaus. Dabei predigten wir immer wieder. Es gibt dort aber keine schöne Kirche, weil Menschen die Christen nicht mögen. Kirchengebäude werden immer wieder zerstört. Ich habe dort gelernt, dass Kirche kein Gebäude ist, sondern dass Kirche die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander und mit Gott ist. Diese Kirche kann niemand zerstören. Wir beteten für die Menschen, die das wollten.  Die wenigen Christen dort leiden sehr unter Verfolgung und Armut. Trotzdem strahlen sie eine große Freude aus, weil sie zu Jesus gehören dürfen. Diese Freude hat uns sehr angesteckt. Wir sind als Beschenkte gegangen. Da es in Indien nur relativ wenige Christen gibt, besuchen sich Christen aus verschiedenen Regionen immer mal wieder, um sich gegenseitig zu ermutigen. Wie Paulus in vielen Gegenden immer zuerst in die Synagoge gegangen ist, so gingen auch wir in manchen Gegenden zu den wenigen ansässigen Christen, um sie zu ermutigen und uns von ihnen ermutigen zu lassen.

Heute besuchen wir neben einer internationalen Gemeinde in Stuttgart auch die Kirchengemeinde in Kleinsachsenheim und engagieren uns beim Kirchencafe (Vinay und ich) und in der Lobpreisband (Vinay)

Wie feiert ihr Weihnachten?

Die Weihnachtszeit ist eine ganz besondere Zeit für alle gläubigen Christen in Indien. Es ist Zeit Gottes Liebe und rettende Gnade zu teilen. Früher haben wir Weihnachtsprogramme organisiert, bei denen wir unsere Freunde aus verschiedenen Glaubensrichtungen und mit unterschiedlichem Hintergrund eingeladen haben, das Evangelium von Jesus zu hören. Für viele unserer Freunde war es eine Gelegenheit, das Evangelium zum ersten Mal in ihrem Leben zu hören. Wir besuchten immer auch Waisenhäuser und verbrachten Zeit mit den Kindern, die über Jesus erzählten, Lieder sangen und Geschenke teilten. Wir haben auch die todkranken Patienten in Rehabilitationszentren besucht, um ihnen Hoffnung auf das ewige Leben zu geben, das der Herr denen versprochen hat, die ihm ihr Vertrauen und ihren Glauben schenken.

Am Heilig Abend gingen wir in die Kirche. Nach dem Gottesdienst aßen und feierten alle gemeinsam im Gemeindehaus der Kirche. Wir liebten diese Zeit wirklich, weil wir erfahren hatten, dass wir ein Teil der großen Familie Gottes sind.

Hier in Deutschland, gehen wir in eine englischsprachige internationale Gemeinde nach Stuttgart Vaihingen. Sie heißt: International Baptist Church of Stuttgart. Dort treffen wir auf Christen aus vielen Ländern der Erde. Mit dieser Gemeinde betreiben wir in der Adventszeit auch einen Stand auf dem Vaihinger Weihnachtsmarkt, an dem wir singen und Schriften verteilen.

Die Weihnachtstage verbringen wir als Familie zuhause. Wir beten, denken über unser Leben nach, wie uns Gott geführt hat und welche Aufgaben er für uns haben könnte.

Liebe Reema, ich danke dir für unser Gespräch.