GlaubensWerkstatt

Wir begannen mit der letzten Ausgabe des Gemeindebriefes eine neue Reihe. Sie heißt „GlaubensWerkstatt“ und soll ein Forum für die Gemeindeglieder sein. Sie können von Ihnen selbst verfasste Texte über Themen des Glaubens an das Gemeindebüro schicken, oder diese einem Redaktionsmitglied des Gemeindebriefes geben.

Es kann ein Text über persönliche Glaubenserfahrungen, über eine Bibelstelle die Ihnen wertvoll ist, über ein Thema aus der Kirchengeschichte oder über eine christliche Persönlichkeit........sein.

Schön wäre es, wenn Sie uns zu dem Text noch ein Foto von sich zur Verfügung stellen würden.

Die veröffentlichten Texte entsprechen nicht in jedem Falle der Meinung der Redaktion.

Heute ein Text von Susanne Hohmann-Sinn

Das Gewissen ist die Wunde, die nie heilt, und an der keiner stirbt“.

Diesen Satz habe ich in der Gedenkstätte Grafeneck gelesen, die ich in meinem Urlaub besucht habe, und dieser Satz hat mich gepackt.

In Grafeneck auf der Schwäbischen Alb sind zwischen Januar und Dezember 1940 über 10500 Menschen ermordet worden. Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, mit psychischen Erkrankungen, Menschen, die nicht der Norm des arischen Ideals entsprachen und wegen mangelnder Produktivität als Belastung für den Volkskörper angesehen wurden.

Es erfüllt mich immer wieder mit einer Mischung aus Erschütterung und Scham, wenn ich daran denke, dass es in Deutschland einmal Zeiten gegeben hat, in denen eine gewisse Art des Lebens als „unwert“, als Belastung galt, die es schnellstmöglich auszumerzen, zu beseitigen galt.

Das Gewissen so vieler, die daran mitwirkten, hat geschwiegen, wurde ruhig gestellt, betäubt. Auch das Gewissen vieler Christen. Und ich frage mich oft als Krankenschwester, die an einer Einrichtung für behinderte Menschen arbeitet, wie ich mich damals verhalten hätte. Hätte ich auf diese Gewissenswunde gehört und mich widersetzt, und woher hätte ich als eher ängstlicher und Konflikte scheuender Mensch den Mut dazu genommen?

Ich bin bei der Beschäftigung mit diesem Thema auf einen Menschen gestoßen, der diesen Mut aufgebracht hat, sich zu widersetzen. Es war Heinrich Hermann, der Leiter der evangelischen Taubstummenanstalt in Wilhelmsdorf. Heinrich Hermann weigerte sich, die Meldebögen, auf denen die zur Ermordung vorgesehenen Menschen erfasst werden sollten, und die alle Behinderteneinrichtungen erhielten, auszufüllen. Er wurde ermahnt, dieses innerhalb einer bestimmten Frist nachzuholen. Er verweigerte auch dies und schickte die Meldebögen unbearbeitet an das Reichsinnenministerium zurück. Ich zitiere aus seinem für mich sehr beeindruckenden Begleitbrief: „Die Erfassung dieser Pfleglinge treibt mich zu folgender Feststellung. Ich kenne den Zweck dieser planwirtschaftlichen Erfassung. Ich weiß von den vielen Todesnachrichten, welche die Angehörigen verschiedener württembergischer und badischer Pflegeanstalten in den letzten Monaten erhalten haben. Ich kann da gewissenshalber nicht schweigen und nicht mitmachen. Wohl weiß ich, dass es heißt: Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat

(1. Petrus 2, 13). Ich habe deshalb auch die gelben Bögen ausgefüllt. Aber nun kann ich nicht weiter. Ich habe einfach die Überzeugung, dass die Obrigkeit mit der Tötung gewisser Kranker ein Unrecht begeht. Gott sagt: Ich will des Menschen Leben rächen an einem jeglichen Menschen. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch wieder vergossen werden durch Menschen, denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht

(2 Mose 21, 12). Mit der Vernichtung eines solchen Kranken oder einfach unnormalen Familien- oder Anstaltsgliedes handeln wir gegen Gottes Willen. Das ist es, warum ich in dieser Sache nicht mitmachen kann. Es tut mir leid, aber man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg. 5, 29)“.

Ich finde es sehr eindrucksvoll, wie konkret und mutig dieser Heinrich Hermann Stellung bezieht, in dem er klar und deutlich die Sache benennt, um die es geht, nämlich die Tötung von Menschen und gleichzeitig genauso klar und unmissverständlich seine Ablehnung, dabei mitzumachen, zum Ausdruck bringt.

Er hat sein schmerzendes Gewissen nicht zum Schweigen gebracht, sich nicht hinter dem Gehorsam der Obrigkeit gegenüber versteckt. Woher er den Mut dafür hatte? Er hat ihn ganz offensichtlich aus seinem christlichen Glauben geschöpft, einem Glauben, der ihn dazu befähigte, Unrecht zu sehen und dagegen aufzustehen. Er hat übrigens die Ermordung seiner Schützlinge nicht vollständig verhindern können, jedoch gab es aufgrund seines Widerstandes aus der Anstalt Wilhelmsdorf wesentlich weniger Opfer als aus anderen Anstalten.

Wenn ich dann den Blick wieder auf mich selber richte, beschleicht mich ein leichtes Unbehagen, weil ich trotz meines Glaubens an Jesus Christus mir kaum vorstellen kann, so zu handeln. Ich stelle fest, dass ich schon bei wesentlich harmloseren Gelegenheiten den Mund halte, weg schaue, oder auch mich hinter Anordnungen von Vorgesetzten verstecke, die es ja schon wissen werden, und solange ich nicht die Verantwortung dafür übernehmen muss....

Wenn ich dann in die Bibel schaue, fällt mein Blick auf den Satz: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1, 7).

Und auch wenn ich diesen Geist bei mir manchmal so gar nicht spüre, will ich doch darauf vertrauen, dass er da ist und mich im Ernstfall trägt und mir den Weg weist. Dass die Gewissenswunde manchmal schmerzt, manchmal sticht, sich immer wieder unbequem bemerkbar macht, aber nie heilt.

Und so ist der Spruch von der Überschrift für mich Anfrage und Herausforderung und Auftrag.

Das Gewissen ist die Wunde, die nie heilt. Ich finde es müsste eigentlich heißen: Das Gewissen ist eine Wunde, die nie heilen darf.

… und an der keiner stirbt, sondern die zu neuem Leben verhelfen kann.

Heinrich Hermann hat das Hören auf sein Gewissen übrigens überlebt, er war Leiter der Wilhelmsdorfer Anstalt bis nach dem Krieg und starb im Jahr 1961.

Susanne Hohmann-Sinn