GlaubensWerkstatt

Wir starten eine neue Reihe. Sie soll GlaubensWerkstatt heißen und ein Forum für die LeserInnen des Gemeindebriefes darstellen. Sie können ab sofort von Ihnen selbst verfasste Texte über Themen des Glaubens an das Gemeindebüro schicken, oder diese einem Redaktionsmitglied des Gemeindebriefes geben.
Es kann ein Text über persönliche Glaubenserfahrungen, über eine Bibelstelle, die Ihnen wertvoll ist, über ein Thema aus der Kirchengeschichte... sein.

Wir beginnen diese Reihe mit einem Text eines Redaktionsmitgliedes. Als Junge ging ich davon aus, dass ich keine Texte auswendig lernen kann. Schon in der Schule waren mir Aufgaben, bei denen man Texte auswendig lernen musste, sehr unangenehm. So habe ich es nie geschafft, z. B. den „Erlkönig“ auswendig zu lernen.

Während meines Referendariates hatte ich einen Mentor, der sich daran machte, das Johannesevangelium auswendig zu lernen. Für mich ein Mensch von einem anderen Stern. So lebte ich viele Jahrzehnte mit dem Bewusstsein, auswendig lernen ginge bei mir gar nicht. Vor einigen Jahren begann ich mit meiner Frau, auf Anregung einer Kollegin, täglich die Stundengebete TEDEUM zu lesen. Da gibt es ein Morgenlob, eine Schriftlesung für den Mittag und ein Abendlob.

Diese Stundengebete werden von einem Team von Mitarbeitern GLAUBENSWERKSTATT beider Konfessionen unter Leitung der Benediktiner Abtei Maria Laach herausgegeben, sie sind ökumenisch orientiert. Während des Morgenlobes wurde täglich der „Lobgesang des Zacharias“ gesprochen und am Abend kam täglich das „Magnifikat“ der Maria. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum genau diese Texte zu dieser Tageszeit gesprochen werden, meine Frau und ich haben sie einfach wie vorgesehen gesprochen.

Nach etwa einem halben Jahr brauchten wir für diese zwei regelmäßig wiederkehrenden Texte keine Vorlage mehr, wir konnten sie auswendig sprechen. Irgendwann kamen wir dann auf die Idee, statt den Lobgesängen von Zacharias und von Maria andere Texte aus der Bibel zu sprechen. Wir begannen mit Psalmen. Nachdem wir eine schöne Predigt über den Psalm 84 gehört hatten, sprachen wir diesen. Wir lasen ein Buch über christliche Widerstandskämpfer während der Nazidiktatur und erfuhren, dass für Helmuth James Graf von Moltke im  Gefängnis der Psalm 90 von großen Bedeutung war. Also sprachen wir morgens den Psalm 84 und abends den Psalm 90. Und siehe da: Nach einem halben Jahr konnten wir auch diese Psalmen auswendig. Das Lernen kostete keine Mühe. Das tägliche gemeinsame Lesen führte dazu, dass wir diese Texte auswendig sprechen konnten.

Mittlerweile freuen wir uns, etwa  jedes halbe Jahr neue Texte aus der Bibel ins Gebetsprogramm nehmen zu dürfen. Einen Text sucht meine Frau aus und den anderen darf ich aussuchen. Meist sprechen und beten wir die Texte in der Übersetzung von Martin Luther, manchmal gefallen uns aber auch andere Übersetzungen.

Damit wir die früher gelernten Psalmen und Texte nicht vergessen, sprechen wir diese immer mal wieder, z. B. während einer Wanderung. Gebet und Gedächtnisübung zugleich. Wie schön ist es, wenn während eines Gottesdienstes ein Psalm oder ein Bibeltext auftaucht, den wir auswendig können. Wie schön ist es, wenn wir nachts mal nicht schlafen können, Texte zu haben, die man sprechen kann. Wir zählen seither keine Schäfchen mehr, sondern haben Worte Gottes, die meist wieder zum Schlaf führen. Wir haben gemerkt, dass anscheinend jeder auswendig lernen kann. Man muss nur einmal täglich einen Text lesen. Derzeit lernen wir z. B. den Prolog aus dem Johannesevangelium. Im Anfang war das Wort....

Das ist ein etwas längerer Text, so dass wir ihn aufgeteilt haben. Wir sprechen zuerst die ersten Verse, wenn die sitzen, kommen andere Verse dazu. Ich träume davon, zum kommenden Weihnachtsfest die Weihnachtsgeschichte auswendig zu können.

Wenn sie den Wunsch verspüren sollten, selbst Texte auswendig sprechen zu können, trauen Sie es sich einfach zu. Wir vermuten, dass Gott diese Gabe fast jedem geschenkt hat, wir müssen uns nur auf den Weg machen.

Jürgen Sinn und Susanne Hohmann-Sinn