„Jetzt stell dich mal nicht so an!“

Diesen Satz haben wir vermutlich alle schon mal gehört. Oder auch „Jetzt reiß dich mal zusammen!“ Ich habe diesen Satz schon als Kind kennengelernt.

Dass Sie es recht verstehen - ich hatte eine schöne Kindheit und bin meinen Eltern sehr dankbar dafür. Aber als Jüngster mit drei älteren Brüdern sind solche Sätze wohl fast schon  vorprogrammiert. Sätze, durch die wir lernen, unsere Tränen herunter zu schlucken und unsere Empfindungen beiseite zu schieben. Ich mache derzeit eine berufsbegleitende Seelsorgeausbildung. Ein Element dieser Ausbildung ist es, neu zu lernen, Zugang zu den eigenen Gefühlen zu bekommen und auch anderen daran Anteil zu geben. Das klärt Beziehungen und macht Kommunikation eindeutiger. Also genau das Gegenteil von dem, was die oben erwähnten Sätze fordern.

Auch in unserer Gesellschaft gehören Gefühle und vor allem die vermeintlich „schlechten“ hinter verschlossene Türen. Wut zeigt man nicht, Tränen schon gar nicht. Leid gehört hinter die Haustür. Freude teilen, das geht noch, aber das Schwere teilen – das fällt uns schwer. Wann antworten wir ehrlich auf die Frage danach, wie es uns geht? Uns geht’s scheinbar immer gut, der Urlaub war immer herrlich und Weihnachten natürlich harmonisch! Ich verstehe das! Es ist ja auch schwer auszuhalten, was einem anderen Menschen das Herz und das Leben schwermacht. Und doch: Wenn wir das, was uns und andere belastet, lieber beiseiteschieben, statt uns damit auseinanderzusetzen, so bleibt jeder von uns damit letztlich allein.

Ein paar Beispiele aus meinen siebzehn Berufsjahren als Pfarrer an verschiedenen Orten: Da erzählt ein Mann niemanden von seiner Krebserkrankung, weil er Sorge hat vor solchen platten Sätzen wie „Kopf hoch“. Da schweigt das Kind, das misshandelt wird, aus Angst davor, ausgelacht zu werden. Da springt der Jugendliche vom Schornstein eines Industriegebäudes, weil ihm der Ausbilder eröffnen muss, dass er vom Betrieb nicht übernommen wird. Er konnte diesen Schmerz einfach mit niemanden teilen.

In diesen Wochen vor Ostern begleiten wir Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Ganz bewusst widmen wir uns seiner Leidensgeschichte, seinem Weg ans Kreuz. Jesu Leidensweg hat viele Aussagen für uns. Eine davon ist, dass Jesus zeigen will: „Ich kenne deinen Schmerz, deine Trauer, deine Verzweiflung. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn es Dir schwer ums Herz ist. Und ich gehe mit Dir!“

Gott sind unsere Leiderfahrungen nicht fremd. Er hat gelitten bis zum eigenen unverschuldeten Tod. Und er kommt mir damit nahe. Und anderen auch. Ich brauche die anderen nicht mehr abspeisen mit billigen Parolen wie in der Überschrift erwähnt. Nein, ich bekomme von Gott die Kraft, auch fremdes Leid anzuschauen und auszuhalten. Zusammen mit einer Fülle von Ehrenamtlichen bin ich im Landkreis Ludwigsburg in der Notfallseelsorge tätig. Ständig ist ein Notfallseelsorger in Rufbereitschaft, der über die Integrierte Leitstelle bei schweren Ereignissen in der Regel mit Todesfolge alarmiert wird. Die Aufgabe des Notfallseelsorgers ist, die ersten Gefühle der Angehörigen oder auch Einsatzkräfte abzufangen, Situationen zu stabilisieren und „einfach“ da zu sein. Für mich ist diese Aufgabe nur machbar, weil ich glaube, dass Gott auch in schweren Situationen besonders nahe ist. Und zwar bei denen, die direkt betroffen sind und bei denen, die sich der Not des anderen stellen. In Psalm 23 heißt es eindrücklich: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte  ich kein Unglück, denn Du bist bei mir.“ Gottes Gegenwart macht das Geschehene nicht ungeschehen.

Das finstere Tal wird deshalb nicht zur lichten Bergeshöhe. Aber ich bin im finsteren Tal nicht allein. Ich bin nicht nur auf meine eigenen Möglichkeiten und Grenzen zurückgeworfen, sondern Gott ist bei mir mit seiner heilsamen Gegenwart. Er speist mich nicht ab mit billigen Kopf-hoch-Parolen. Bei ihm kann ich auch meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Die Psalmen sind uns übrigens gute Beispiele dafür, wie das Beter tun. Wir staunen, wenn wir Psalmen wie Psalm 6, 22, 39, 55, 69 und viele andere lesen. Hier wird die Not Gott sehr ausdrucksstark entgegengeschrien.

Natürlich sagt uns die Passionsgeschichte noch viel mehr als die Zusage von Gottes Nähe auch im Leid. Mit seinem Kreuzestod und seiner Auferstehung ermöglicht uns Jesus ewiges Leben. Er schenkt uns Vergebung und immer wieder einen Neuanfang bei Gott und Menschen. Aber er ist eben auch der, der sich unseren Leiderfahrungen stellt und uns damit ermutigt, dies auch gegenseitig zu tun.

Ich wünsche Ihnen segensreiche Erfahrungen im Miteinander teilen von Freude und Leid.

Ihr Pfarrer Friedemann Wenzke