Was ist die Hauptbeschäftigung zu Weihnachten

Singen wird es wohl kaum sein. Dann ist es vielleicht das Schmücken des Tannenbaumes? Oder die Geschenke auspacken? Oder etwas einfallslos und doch weit verbreitet das Fernsehgucken? Oder das Schlemmen und gute Essen? Oder der Besuch bei Freunden und Verwandten? Oder...vielleicht fällt Ihnen ja noch mehr ein. Egal, was wir tun - eines ist unsere Hauptbeschäftigung an Weihnachten: Wir sitzen bei fast allem. Dabei sagt uns jeder Arzt und Krankengymnast: Das viele Sitzen ist nicht gut. Und zu Weihnachten geht es eigentlich um etwas ganz anderes, als ums Sitzenbleiben. Es geht darum, sich in Bewegung zu setzen. In einem bekannten Weihnachtslied von Paul Gerhardt heißt es:

Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben.
Ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.

Merken Sie, da ist ganz viel Bewegung drin. Weihnachten, das ist Stehen, Aufstehen, Hingehen zur Krippe. Weihnachten, das bringt Bewegung mit sich. Weihnachten, das macht uns Beine.

Heraus aus der kuscheligen Sofaecke. Heraus aus den gewohnten Lebensbahnen. Hin auf den Weg zur Krippe. Und dann ankommen im Stall. Hier sollen wir uns hinstellen, wie der Dichter Paul Gerhard es tut: „Ich steh an deiner Krippen hier“. Und dann? Was heißt denn das, ankommen im Stall? Paul Gerhardt staunt über Gottes vorausschauende Liebe. Er staunt über die Liebe Gottes zu Dir und mir, bevor von uns überhaupt irgendetwas zu sehen war. „Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden“, so dichtet er in der zweiten Strophe.

Ankommen im Stall heißt, dass mir aufgeht: Ich bin Gottes geliebtes Kind. Er hat mich geschaffen und hat bereits vorher schon an mich gedacht. Diese Erkenntnis, das heißt Weihnachten, das heißt ankommen im Stall von Bethlehem: Ich bin erwünscht. Ich bin geliebt, ohne dass ich irgendetwas vorweisen muss. Ich war schon immer ein Gedanke Gottes. Gott ist immer schon  vor mir da. Er erwartet mich mit einer Liebe ohne Vorbedingungen.

Das ist Weihnachten, selbst dann, wenn es vielleicht in und um mich herum gar nicht weihnachtlich aussieht, sondern nur lauter Dunkel und Sorge ist. Das ging Paul Gerhardt beim Dichten  dieses „Ich lag in tiefster Todesnacht“. Todesnacht – das bedeutete zur Zeit Paul Gerhardts: Im Alter von 14 Jahren Verlust beider Eltern. Tod eines Kindes bereits im ersten Lebensjahr sowie noch zwei weiterer Kinder in späteren Jahren. Nach 13 Jahren Ehe musste er seine Ehefrau hergeben. Und dann natürlich die beruflichen Unsicherheiten, die Wirren eines 30 Jahre dauernden Krieges.

Todesnacht – heute lässt sich dieser  Begriff vielleicht anders füllen: Leid und Unfrieden in der Nähe und in der Ferne. Naturkatastrophen, Angst vor Terror, das Scheitern einer Ehe, Arbeitslosigkeit, Krankheit. Der Tod eines vertrauten Menschen, wie es in diesem Jahr besonders viele Gemeindeglieder in Kleinsachsenheim erleben mussten. Ohne die schönen Strahlen, die dieses neugeborene Jesuskind in diese Welt schickt, sähe es finster aus auf dieser Erde und auch in so manchem Leben. Der Mensch kann nicht von seinem eigenen Licht her leben. Das wäre eine trübe Sache. Wir brauchen ein Licht, das von außen kommt. Ein Licht, das unser Leben hell macht. Eine Sonne, die uns Licht, Leben, Freud und Wonne bringt.

Lassen Sie dieses Kind neu in sich geboren werden. Egal, wie alt sie sind oder wie oft sie schon gebetet haben: „Herr, ich will dir ganz neu gehören.“ Wir Christen leben vom Neuanfang. Lassen wir uns heute neu bescheinen von diesem Gnadenlicht. Gehen wir zur Krippe und schauen wir hinein. Wir werden so schnell nicht mehr davon wegkommen. Paul Gerhardt drückt es so aus: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen.“ Woran kann sich denn Paul Gerhardt nicht satt sehen? An diesem Jesuskind, das da vor seinem inneren Auge in der Krippe liegt.

Wohl dem, der seine Augen darauf gerichtet hat und nicht in alle möglichen anderen Richtungen. Es gibt genug Dinge in der Welt, die unsere Blicke bannen können. Der eine kann sich nicht satt sehen am neuen Auto, der nächste nicht an irgendwelchen Computerspielen. Wieder ein anderer treibt sich auf irgendwelchen Sexseiten im Internet oder in Illustrierten herum und kann sich nicht satt sehen an dem, was er da sieht. Jeder von uns weiß am besten, auf welchem Gebiet er schnell schwach wird und was ihn in den Bann zieht. Wohl aber dem Menschen, den dieses Jesuskind in den Bann zieht. Wohl dem, der sich an Jesus nicht satt sehen kann, der beim Schauen der Krippe in Anbetung kommt. Da stößt man dann mit seinem Verstand an Grenzen. Da kann man dann einfach mal seine Zweifel fallen lassen und darf sich beschenken lassen und staunen. Staunen über die große Liebe Gottes. Staunen über den großen Gott, der sich so klein macht, dass er sogar in mein begrenztes Leben hineinwirken kann. Staunen über all das Große, was er für mich getan hat.

Ich lade Sie ein – wenn Sie mögen – in diesen Advents- und Weihnachtstagen sich dieses Gebet zu eigen zu machen:

„Jesus, wenn ich an Deiner Krippe stehe, dann werde ich froh. Ich werde froh, weil ich so kommen darf wie ich bin. Ich werde froh, weil ich ganz gewiss ein Gedanke von Dir bin. Ich werde froh, weil Du Licht in die dunklen Stellen meines Lebens bringst. Ich danke Dir dafür.“ Amen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents-und Weihnachtszeit.
Ihr Gemeindepfarrer
Friedemann Wenzke