Eine Besinnung zum Erntedankfest und darüber hinaus.

Zum Erntedankfest ist mir dieses Jahr folgendes Bibelwort wichtig:
Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn trauet! (Ps. 34, 9)

Das ist doch mal ein anschaulicher Gott, dessen Freundlichkeit man sehen und schmecken kann! Das heißt doch: Gott ist eben nicht der ferne, unnahbare Gott, der über meinem Leben schwebt und völlig abgehoben ist. Nein, man kann seine Freundlichkeit sehen und schmecken. Seine Freundlichkeit, nicht ihn selbst. Das muss man schon nochmal klar unterscheiden. Die ganze Bibel hindurch zieht es sich, dass Gott sich verbirgt, dass wir ihn eben nicht sehen können. Die einzige Ausnahme waren die dreißig Jahre, in denen Jesus auf der Erde gelebt hat.  Davor und danach war Gott aber nie sichtbar.

Den Hauptgrund, den die Bibel dabei nennt, ist seine Heiligkeit. Gott ist so heilig und von einem solchen Glanz umgeben, dass wir vergehen würden. Wir können Gott nicht sehen. Damit macht er es uns nicht immer leicht. Aber wir können sein Wesen spüren und erfahren. Seine Freundlichkeit sehen und schmecken. Wo haben wir in unserem Leben schon die Freundlichkeit des Herrn gesehen? Da hat jeder nun seine eigenen Lebenserfahrungen, in denen er mit dieser Frage auf die Suche gehen kann. Wo sind Spuren der Freundlichkeit Gottes in unserem Leben zu sehen? Das können durchaus ganz äußerliche sein wie Wohlstand, Gesundheit, Erfolg usw. In der Bibel, vor allem auch im Alten Testament werden ganz unverblümt solche Äußerlichkeiten auch als Zeichen eines gesegneten Menschen gesehen. Man darf bloß nicht den Umkehrschluss ziehen und sagen: Wer weniger hat, wer krank ist oder wem es sonst an etwas fehlt, der ist weniger gesegnet. Das wäre völlig verkehrt! Es gilt ganz grundsätzlich: wir dürfen die Sätze der Bibel nicht einfach in ihr Gegenteil verkehren und dann denken, sie stimmen auch noch. Das Wort Gottes so lesen, wie es da steht und nicht einfach Umkehrschlüsse daraus ziehen. Da können ganz böse und falsche Aussagen entstehen. Also: wo sind Spuren der Freundlichkeit Gottes in unserem Leben, die wir sehen können? Zugegeben: Dieses Jahr fällt uns das am Erntedankfest schwer, die Ernte als Ausdruck der Freundlichkeit Gottes zu sehen. Die Dürre hat zum Teil drastische Ernteeinbußen mit sich gebracht.

Mitunter haben Christen zum mir gesagt: „Das ist Gericht!“ Ich bin vorsichtig mit solchen klaren Deutungen. Ich bin nicht Gott. Aber eines glaube ich auch: Anhand so eines Dürrejahres
soll ich neu lernen, dass unser Essen und Trinken eben nicht selbstverständlich ist. Sondern dass es alles Geschenk ist, das ich eben nicht machen kann, sondern nur empfangen! Und zugleich habe ich mitten in der Dürre gedacht: Gott tut dennoch Wunder! Wie proppevoll hingen trotz der Dürre die Obstbäume! Trotz aller Not eine Spur der Freundlichkeit Gottes. Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn trauet! (Ps. 34, 9)

Wo haben Sie in ihrem Leben schon die Freundlichkeit Gottes erfahren? Wenn Ihnen nichts einfällt, dann will ich es ganz einfach machen: Jeder Mensch ist ein sichtbarer Ausdruck der Freundlichkeit Gottes, Du auch! Aus lauter Freundlichkeit – ja Liebe lässt er Dich und mich leben und den nächsten Atemzug machen. Dein nächster Atemzug, ein Ausdruck der Freundlichkeit Gottes. Dein übernächster auch und der danach auch. 20000 Atemzüge macht der Mensch im Durchschnitt pro Tag. Wieviel dann erst im ganzen Leben. Wir können die Freundlichkeit Gottes gar nicht zählen! Darum „lohnt“ es sich, das Erntedankfest auch in Zeiten zu feiern, in denen die Ernte nicht so üppig ist und die Einbußen teilweise wirklich empfindlich sind. Weil Gott uns dennoch so viel Gutes tut. Martin Luther hat es im Katechismus einmal so aufgezählt: Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.

Darum ist es gut, wenn wir das Erntedankfest auch in diesem Jahr von Herzen und fröhlich feiern. Wir feiern Gottes Freundlichkeit. Mit jedem Atemzug, den wir tun. Wie gesagt 20000 x am Tag!

Pfarrer Friedemann Wenzke