Erntedank

Erntedankfest: Wir danken Gott für die Dinge, die unser Leben erhalten: Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf, vertraute Menschen in unserer Nähe, Frieden im Land. Und wir sehen auch auf uns selbst, auf die Früchte, die unser Leben gebracht hat. Auf die Erinnerungen, von denen wir zehren können.

Wir feiern Erntedank, weil wir glauben: Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt o Gott von Dir. Wir danken Dir dafür! Es ist Geschenk Gottes. Gnade Gottes.

Die Älteren unter uns, die noch die Grauen und Nöte des Krieges und die Bescheidenheit der Nachkriegszeit erlebt haben, wissen das wohl noch deutlicher als die Jüngeren unter uns. Es ist Geschenk, dass wir noch leben. Denn unser Leben ist hoch verletzlich. Das denke ich jedes Mal neu, wenn ich in ein Krankenhaus komme oder eine Woche Notfallseelsorgebereitschaft im Landkreis Ludwigsburg übernehme. Was da alles in einer Woche passiert und in keiner Zeitung steht, ich staune und erschrecke! Erst recht, weil Notfallseelsorger in der Regel ja nur dann gerufen werden, wenn jemand plötzlich zu Tode gekommen ist. Dass wir heute noch leben, darüber können wir bei aller Vorsorge, die wir in unserem Leben getroffen haben, doch am Ende nur staunen. Es ist und bleibt Geschenk Gottes, Gnade.

Von diesem Geschenk des Lebens singt auch das Lied des Pfarrers und Dichters Paul Gerhardt, das viele kennen:  Ich singe Dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust;…

Nichts ist selbstverständlich in dieser Welt. Menschliches Leben ist verletzlich. Das hat Paul Gerhardt, geboren vor über 400 Jahren, in seiner Zeit sehr deutlich zu spüren bekommen: aufgewachsen in den Jahren des Dreißigjährigen Krieges, früh die Eltern verloren, erst mit 44 Jahren eine feste Anstellung als Pfarrer und dann nach der späten Heirat der Tod von drei seiner Kinder noch im ersten Lebensjahr.

  • Was sind wir doch, was haben wir auf dieser ganzen Welt, das uns, o Vater, nicht von Dir allein gegeben wird?
  • Wer hat das schöne Himmelszelt hoch über uns gesetzt? Wer wärmet uns in Kält und Frost? Wer hält mit seiner Hand den güldnen, werten, edlen Fried in unserem Vaterland?

Erntedank – das ist für Paul Gerhardt nicht nur das Staunen über die Schönheit der Natur und die Früchte des Feldes. Erntedank schließt für Paul Gerhardt auch die Dankbarkeit für all das ein, was sein Leben bewahrt hat trotz aller Tränen, trotz alles Seufzen. Können wir mit einstimmen in diese Form des Erntedank, in dieses Gotteslob, das die dunklen Seiten des Lebens mit einschließt? Paul Gerhardt ist nüchtern. Er verharmlost nicht, was es alles an Leiden, Unrecht und Gewalt auf der Welt gibt. Aber er hat auch gelernt, dass es nichts bringt, nur um die eigenen Verletzungen und Zweifel zu kreisen. Er lädt ein, den Blickwechsel zu Gott zu vollziehen.

  • Was kränkst Du dich in deinem Sinn und grämst dich Tag und Nacht? Nimm deine Sorg und wirf sie hin auf den, der dich gemacht.

Sich immer wieder bewusst hinwenden zum Schöpfer und Erhalter des eigenen Lebens. Das ist eine ganz grundlegende Form des Erntedanks.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Erntedankfest!

Ihr Gemeindepfarrer Friedemann Wenzke