Geistlichen Impuls

Pfr. Dieter Hofmann

Mittelpunkt der Welt

Erst spät durfte das Volk Israel einen Tempel in Jerusalem bauen. Gott wollte nicht in einem steinernen Haus, sondern in den Herzen der Menschen wohnen. Doch dann gab er doch nach und Salomo baute einen großen Tempel mitten in Jerusalem. Nicht für Gebete und Opfer war er wichtig, sondern er war Treffpunkt und Handelsplatz, kulturelles Zentrum und Ort der Gerichtsbarkeit. Heute ist dieser Tempel für jeden Juden der Mittelpunkt der Welt, auch wenn von ihm nur noch die Klagemauer erhalten ist und er sich das Areal mit einer der wichtigsten Moscheen des Islam teilen muss.

Viele Jahre später sollte mit dem Petersdom in Rom ein christlicher Nachfolger dieses Tempels errichtet werden. Ein Zeichen, dass der neue Mittelpunkt dieser Erde dort sein soll, wo der Papst regiert.
Die evangelische Kirche kennt keinen solchen Mittelpunkt. Zur Zeit Martin Luthers wusste man schon, dass die Erde eine Kugel ist und leider haben nur Scheiben eine Mitte. Theologisch gesprochen könnte man vielleicht sagen, dass der Mittelpunkt der Welt, der Punkt auf den sich alles in diesem Augenblick fokussiert, meine Nächste oder mein Nächster ist. Hier stehe ich und kann und will nicht anders.
Und dennoch gibt es wohl im Leben einen Mittelpunkt, einen Ort, auf den alles bezogen ist, von dem in der Erinnerung alles ausging. Zumindest im Herzen der meisten Menschen.

Aber wo liegt mein ganz persönlicher Mittelpunkt? Mir kam zuerst mein Elternhaus in den Sinn. Aber welches? In meiner Kindheit sind wir vier Mal umgezogen. Oder das Haus meiner Großeltern? Das hat längst einem Wohnsilo weichen müssen. Meine Schule? Der heimliche Ort des ersten Kusses? Das Pfarrhaus, in dem wir heute leben? Schon eher, wo ließe es sich auch besser leben als in Sachsenheim?
Tatsächlich alles wichtige Stationen auf dem Weg des Lebens. Doch, wenn ich wieder einmal in meinen Heimatort Schorndorf komme und sich der Turm der Kirche majestätisch in den Himmel reckt, dann weiß ich: Dort ist der Mittelpunkt meiner Erde, dort liegen meine Wurzeln.

In unzähligen Wohnungen bei uns in Sachsenheim hängen Bilder der Heimatkirche. Alteingesessene haben ihre Klein- oder Großsachsenheimer Kirche im Flur hängen, die vielen Siebenbürger ihre heimatliche Kirchenburg. Stille Zeugen, dass für viele diese Kirche steingewordene Mitte der Welt ist.
Eine gefährdete Mitte, wie wir in unseren Gemeinden immer wieder erleben müssen. Nicht umsonst haben die ganz großen Kirchen ihre Bauhütte. Ein ganzes Team von Handwerkerinnen und Architekten sind ohne Unterlass dabei, die Kirche zu erhalten. Aber auch unsere Kirchen brauchen ständig unsere Aufmerksamkeit. Die Innenrenovierung in Kleinsachsenheim ist endlich geschafft. Mit langem Atem haben sich unzählige Gemeindeglieder für diese Aufgabe engagiert. Die Handwerker haben solide Arbeit geleistet und das Kircheninnere erstrahlt in neuem Glanz. Das Denkmalamt konnte sich nach endlosen Diskussion zu einem moderneren Aussehen erweichen lassen.

Auch Jahrhunderte nach der Entstehung, viele Jahre nach dem Wiederaufbau, ist die Kirche für die Zukunft gewappnet. Geschafft!!!

Eine Weile denken wir besser nicht darüber nach, dass es schon immer geheißen hat: Nach der Innenrenovierung ist vor der Außenrenovierung und umgekehrt. Doch so viel Kraft die Gemeinde in diese Aufgabe gesteckt hat, die Kirche ist nur eine Hülle. Obwohl sie zurecht als Stein gewordener Glaube angesehen werden kann, sie ersetzt den Glauben nicht.

Das Gebet, das Hören auf Gottes Wort, das Bibellesen sollte das Zeichen der Anhänger Gottes sein. Aus gutem Grund schauen alle während des Gottesdienstes nach vorne auf Altar, Kreuz, Bibel und Kanzel. In der Anbetung Gottes, in der Feier des heiligen Abendmahls, den Lesungen aus der Bibel und ganz zentral der Predigt finden Menschen seit ewigen Zeiten Orientierung im Glauben, Trost und Hoffnung. Ein klein wenig trägt das Gebäude natürlich auch dazu bei, aber das Eigentliche findet in den Herzen der Menschen statt.

Damit wir das niemals vergessen hat Gott so lange dem Volk Israels verboten einen Tempel zu bauen. Und so werden wir bis heute daran erinnert, dass beides zusammenkommen muss: Der Ort des Glaubens und unser Leben.

Dieter Hofmann