„Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich Dir?“

"Was essen wir bloß am Fest? Was ziehe ich an? Was schenke ich bloß der Y, dem X?"

Es gibt vor Weihnachten viele wichtige Fragen. Nein, ich meine das nicht ironisch - falsche oder gar keine Antworten auf diese Fragen können durchaus ernst zu nehmende familiäre Katastrophen auslösen. Es sind schon wichtige Fragen, aber: Die entscheidende Frage lautet: Wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir? Wie bereite ich mich auf Gottes Ankunft vor? Wie komme ich in Kontakt mit dem Heiligen, 2.000 Jahre nach der Geburt damals in Betlehem? Darum geht es in der Adventszeit.

Vielleicht kennen Sie alle das Kindergebet, das aus der Mode gekommen ist – weil es zumindest teilweise durchaus kritisch zu hinterfragen ist:  "Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein."

Wer mit Drei- oder Vierjährigen zu tun hat, der weiß: reine Herzen haben die schon längst nicht mehr. Die können schon ganz gut tricksen und sich herausreden, lügen und täuschen.

Und dieses Gebet ist zum anderen eine Überforderung, die ein kleines Mädchen einmal sehr gut erkannt hat, als sie zum Ende des Gebets laut rief: "Nein, da soll auch noch der Papa und die Oma, mein Teddy und die Tante Bärbel drin wohnen."

Ja, Gott hat uns in die Gemeinschaft gestellt und es ist wichtig, dass wir neben Gott auch uns lieb gewordene Menschen im Herzen tragen. Ich habe allerdings den Eindruck, wir haben das Ganze übertrieben. Jetzt wohnen in unserem Herzen vielleicht zu viele oder zu vieles. Oder es wohnt gar niemand mehr drin, weil man hart geworden ist aus Enttäuschung.

Und für Jesus gibt es da vielleicht überhaupt keinen Platz mehr. Ein Liebesverhältnis zu Jesus - und das heißt doch "in einem Herzen wohnen" – haben wir das? Voller Inbrunst singen wir bei kirchlichen Trauungen: „Ich bete an die Macht der Liebe“ und übersehen dabei großzügig, dass es da nicht um die Liebe des Brautpaars geht, sondern um die Liebe, „die sich in Jesus offenbart!“ 

Und doch sucht Christus seinen Platz in unserem Herzen, will uns nicht nur Erlösung schenken, sondern Liebe in uns zu ihm wecken. Aber wie findet er seinen Platz? Was bedeutet das, wenn Jesus wieder in unserem Herzen wohnt? Was muss ihm weichen und Platz machen? Was wird dann anders in unserem Denken und Handeln? Offene Fragen, denen es sich lohnt, im Advent einmal betend nachzusinnen. Ich kann und will ihnen auch keine Antwort geben, weil es Ihr Leben ist, auf das Sie eine Antwort finden müssen.

Aber ich kann und will sie an diese Fragen erinnern und die Bitte mitformulieren: "O Jesu, Jesu setze mir selbst die Fackel bei, damit was dich ergötze, mir kund und wissend sei." Jesus selbst muss uns erleuchten, ein Licht aufgehen lassen, damit wir wissen: Was muss, was kann anders werden in uns durch sein Kommen? Wohlgemerkt: diese Bitte ersetzt nicht das eigene Suchen und Fragen, sie macht aber deutlich, dass wir zur richtigen Antwort eben den Geist Gottes brauchen. Nur so kann die Wohnungsnot Jesu bei uns beseitigt werden. Nicht, weil er das braucht, seinen Platz in unserem Herzen. Sondern weil wir nichts nötiger brauchen als ihn. Angelus Silesius hat es einmal so gesagt: "Wär Christus tausendmal in Betlehem geboren und nicht in dir, du wärest doch verloren."

Wir haben Ende November, die Adventszeit noch vor uns. Noch haben wir Zeit. Noch ist nichts verloren, noch sind wir nicht verloren. Die Rettung ist auf dem Weg!

Eine nachdenkliche und gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen
Ihr Gemeindepfarrer Friedemann Wenzke