Ein Impuls vor Beginn der Weltmeisterschaft

Fußball ist wie das Leben. Wie unser Leben. Komplex und voller Überraschungen. Ich will mit Ihnen an ein paar Punkten Vergleiche zwischen dem Fußball und unserem Leben ziehen.
Da ist die Größe der Mannschaft. Elf verschiedene Menschen sollen ein Ziel verfolgen. Das ist gar nicht so einfach. Wie oft denken wir im Leben: Wenn ich nur einmal allein spielen könnte, alles allein bestimmen könnte, dann wäre alles viel einfacher und schneller als so im Zusammenleben der Familie oder im Zusammenarbeiten im Beruf.

Da ist die Taktik eines Fußballspiels. Alles soll einem bestimmten System folgen. Wer immer nur nach vorne bolzt, wird wenig Erfolg haben. Als Fußballspieler muss man auch spielerische Intelligenz besitzen und taktisch klug spielen.

Wie oft denken wir im Leben: „Ist das alles kompliziert! Das ist mir alles zu hoch, warum geht es nicht einfacher?“ Dann muss im Fußballspiel der Ball noch mit den Körperteilen bewegt werden, die eigentlich am unbeholfensten dafür sind. Wie viel leichter wäre es, wenn man immer mal wieder die Hand nehmen dürfte! Alles ziemlich kompliziert. Genau wie die lange Spielzeit und das große Spielfeld. So groß, dass es 22 Spieler nicht vollständig unter Kontrolle halten können.

„Alles eine Nummer zu kompliziert und zu groß“ – so denken wir manchmal auch im Leben angesichts mancher Herausforderungen. Damit noch nicht genug: Über das ganze Spiel verteilt liegen wie ein Netz die Beziehungsfäden. Sobald an einer Stelle gezogen wird, hat das an allen Ecken und Enden Auswirkungen. Innerhalb des Teams, zwischen den Mannschaften, dem Schiri, den Trainern, den Zuschauern. Erst dieses komplizierte Zusammenspiel macht den Zauber des Fußballs aus. Fußball ist wie das Leben. Und ich setze noch eines drauf: Fußball ist wie unser Glaubensleben als Christen. Auch hier gibt es Parallelen. Ein guter Fußballer bewahrt die Ruhe und ist immer da, wenn man ihn braucht. Das ist im Fußball wie im Glauben die entscheidende Kraft: Ruhe. Denn Ruhe bedeutet große Aufmerksamkeit und Verfügbarkeit. Ein Mensch im Team zur rechten Zeit und am rechten Ort. Was gibt es Schöneres?

Uns Christen muss diese Haltung bekannt vorkommen: Unser Gott, der Gott der Juden und Christen hat sich diese Haltung sogar zum Namen gemacht: „Jahwe“ nennt sich Gott, das heißt übersetzt: „ich bin (immer schon) da.“ Gott ist immer schon da. Das heißt doch: Es gibt keine Situation unseres Lebens, wo wir allein sind. So schlimm und gottverlassen wir uns vielleicht manchmal fühlen: Gott ist immer schon vorher da. Das macht ruhig. Das gibt Kraft, auch in den schwierigsten Situationen. Gott ist immer schon da. Eine große Verheißung. Aber diese Zusage darf uns nicht bequem machen.

Ein guter Fußballer muss spielen und auf das Spielfeld hinaus. Und so müssen wir auch als Christen heraustreten und spielen. Wer meint, seinen Glauben außerhalb dieser Welt leben zu können, ist schief gewickelt. Wir müssen spielen und auch unser Spiel des Lebens und Glaubens ist wie ein Fußballspiel immer offen. Ob wir gewinnen oder nicht, wird erst der letzte Pfiff deutlich machen. Vorher spielen wir. Da gewinnen wir manchmal, da verlieren wir auch. Jeder will gewinnen, keiner will verlieren – aber das geht nicht. Niederlagen und Scheitern – das gehört zum Spiel, das gehört zum Leben, das gehört zum Glauben. Niederlagen müssen verkraftet werden. Immer zu gewinnen, das bleibt ein Traum.

Ist uns eigentlich schon aufgefallen, dass Jesus, an den wir glauben, sich sehr intensiv um die Verlierer gekümmert hat? Er ist zu denen gegangen, die man als Looser bezeichnet hat, als Verlierer des Lebens. Er hat keinen Bogen um sie gemacht, er ist direkt auf sie zugegangen und hat ihnen Mut und Gottes Liebe zugesprochen. Und im Übrigen hat er sich, als er gekreuzigt und getötet wurde, selbst auf die Seite der Verlierer gestellt. Er ist nicht der Sieger, der erhaben über allem schwebt. Nein, er weiß genau, wie das ist, wenn man nicht gewinnt.

Aber gibt es nicht eigentlich auch für Verlierer etwas zu gewinnen? Kann man vielleicht sogar manche Gewinne nur machen, wenn man verliert? Man kann auch in Niederlagen gewinnen. Das gilt für unser Leben. Wie viele haben schon in der Rückschau berichtet, wie manche schwere Erfahrung ihres Lebens für sie später einen großen Wert bekommen hat. Und das gilt für Christus am Kreuz. Gott schafft aus der scheinbar größten Niederlage am Kreuz den größten Sieg der Weltgeschichte. An Ostern hat er die stärkste irdische Macht besiegt: den Tod. Jetzt gilt das Leben, manchmal allem Augenschein zum Trotz. Das Leben hat gesiegt. Jesus Christus ist der Aufsteiger. Er spielt noch in einer ganz anderen Liga als wir. Er, der Beste der Besten, der Meister aller Meister, der Weltenmeister. Er hat gewonnen! Und wir sind eingeladen, uns auf die Seite des weltumfassenden Siegers zu stellen. Jetzt schon mitten im Leben. Und einmal, wenn der Schlusspfiff für unser Leben ertönt. Daran kann niemand rütteln. Auch nicht die Niederlagen, die wir eventuell bei der Weltmeisterschaft einstecken müssen. Wenn sie vielleicht eintreten, so sind es immer noch Niederlagen, aus denen wir lernen können.

Ich wünsche mir sehr, dass Deutschland Fußballweltmeister wird. Aber ich weiß auch: Wichtiger als dieses Turnier zu gewinnen ist, dass wir unser Lebensspiel gewinnen – mit dem Weltenmeister an der Seite. Mit dem, der immer schon da ist.

Es grüßt Sie herzlich Ihr Gemeindepfarrer Friedemann Wenzke